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Blick in die Black Box: wie Regierungen lernen

Blick in die Black Box: wie Regierungen lernen

Warum sollten sich Think Tanks mit Lernprozessen in Regierungen und internationalen Organisationen beschäftigen? Zum einem, weil sie in vielen Ländern einen wichtigen Anteil an Meinungsbildungsprozessen von diesen Organisationen haben. Think Tanks sollten daher ein Interesse daran haben zu verstehen, wie dort gelernt wird, um genau diesen Prozess beeinflussen zu können.

Zum anderen, um selber zu lernen, denn Think Tanks sind Wissensorganisationen, deren Funktion es ist, Ideen zu produzieren, zu verbreiten und Netzwerke zu bilden. Diese Funktionen erfordern kontinuierliche Lernbereitschaft und Anpassungsfähigkeit. Think Tanks sollten deshalb ein Eigeninteresse daran haben, mehr über Lernprozesse internationaler Organisationen und Regierungen zu erfahren, nicht zuletzt um die eigene Wirksamkeit zu verbessern.

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Auf der Grundlage eigener Erfahrung in der Arbeit mit deutschen und amerikanischen Think Tanks im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik und der Entwicklungszusammenarbeit erscheint mir, dass die Debatte über Lernen und Lernprozesse noch intensiver geführt werden könnte. Besonders bei der konzeptionellen Gestaltung von Konferenzen, Workshops und Runden Tischen mit Vertretern von Regierungen und der Zivilgesellschaft zu Wissensthemen gibt es noch viel Nachholbedarf und Anlass zu Erfahrungsaustausch.

Viel zu oft werden diese Lernveranstaltungen ohne geschulte Moderatoren und mit wenig Interaktion gestaltet, obwohl der Wissensstand unter den Teilnehmern und die Bereitschaft an neuen Lösungsmöglichkeiten mitzuarbeiten groß ist. Ebenso oft sind die Konferenzen oder Workshops nicht in ein Gesamtkonzept eingebettet, dem eine langfristige Perspektive mit klar definierten Zielen zugrunde liegt. Das gilt für die sogenannten akademischen wie auch für die advokatischen Think Tanks.

Dabei wissen wir aus Theorie und Praxis, dass erfolgreiche Ideen meist nicht in Isolation weiterentwickelt werden, dass neues Wissen gezielt in die Realitäten der Stakeholder übersetzt werden muss und dass die Gestaltung und das Aufrechterhalten von Netzwerken unabdingbar für das Erreichen von Lernen und Politikwandel sind. Auch sollten die Ergebnisse von Konferenzen und Workshops viel öfter gezielt wieder zurück in die Arbeit der Think Tanks fließen und somit die “feedback loops” zwischen Wissensproduktion und Anwendung schließen.

Die akademische Beschäftigung mit Lernen in Organisationen hat eine jahrzehntelange Tradition, die sich von der Soziologie, Politikwissenschaft, Managementtheorie bis zur Pädagogik erstreckt. Es gibt jedoch nur wenig Literatur zu Lernprozessen in Regierungen und internationalen Organisationen. Noch seltener werden Handlungskonzepte aus individuellen und organisationalen Lerntheorien abgeleitet, die Anleitung geben, wie diese Prozesse aktiv gestaltet werden können, um Wissen und Ideen zu verbreiten und wie Akteure voneinander lernen können.

Mein Kollege Raoul Blindenbacher und ich haben mit unserem Buch “The Black Box of Governmental Learning: The Learning Spiral – A Concept to Organize Learning in Governments” versucht, diese Lücke zu schließen (im Juni 2010 von der unabhängigen Evaluierungsabteilung der Weltbank veröffentlicht). Raoul Blindenbacher hat das Konzept der Lernspirale über die letzten zehn Jahre während seiner Tätigkeit als Experte für internationale Lernkonferenzen der Schweizer Regierung entwickelt und angewandt. Bei der unabhängigen Evaluierungsabteilung der Weltbank wenden wir die Lernspirale nun schon seit einigen Jahren an, um gemeinsam mit unseren internen und externen Stakeholdern von unseren Evaluierungen zu lernen und um dabei zu helfen, unsere Erkenntnisse in deren Handlungsrealität zu übersetzen.

Unser Buch unternimmt grundsätzliche Überlegungen zu Wissen und Lernen in Regierungen und internationalen Organisationen. Eine der Grundannahmen unseres Ansatzes ist, dass Wissen sich fortlaufend weiterentwickelt und erneuert werden muss. Ein veröffentlichter Bericht ist daher nicht nur Abschluss eines vorherigen sondern gleichzeitig auch Beginn eines neuen Wissensprozesses. Ebenfalls führt erst die Übersetzung des neu entstandenen Wissens in den richtigen individuellen und organisationalen Kontext zu neuen Erkenntnissen für alle Beteiligten und zu deren Umsetzung. Aus diesen individuellen- und organisationslerntheoretischen Annahmen wird ein konkretes Handlungskonzept entwickelt, um Lernen in Regierungen mithilfe von Lernveranstaltungen durchzuführen und zu verbessern.

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Die Lernspirale beschreibt anhand von acht Schritten, wie ein einzelner Lernprozess in Form einer Lernveranstaltung ausgewähltes Wissen – zum Beispiel einen Bericht – in den richtigen Kontext setzt und ausgewählte Regierungsmitglieder und Vertreter des Zivil- und Privatsektors zu diesem Wissensbereich einbezieht. Mithilfe eines Moderators wird dann ein Prozess gestaltet, bei dem mit den verschiedenen relevanten Perspektiven durch Selbst- und Gruppenreflektion eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Wissens erarbeitet wird. Der Moderator arbeitet dann mit den Teilnehmenden darauf hin, sich die neuen Erkenntnisse, die während dieses Prozesses entstanden sind, zu Eigen zu machen und in konkrete Handlungsoptionen für deren Arbeitsbereiche zu übersetzen (action plans).

Durch die kontinuierliche Wiederholung dieser Lernveranstaltungen mithilfe der Lernspirale kann somit ein bestimmter Wissensbereich immer weiterentwickelt und die neuen Erkenntnisse der Teilnehmenden vom Wissen in die Praxis übersetzt werden. Die wichtigsten Ziele dieses Konzepts der Lernspirale sind – neben der Umsetzung von Wissen in die Praxis – das eigene Lernen als Organisation über “feedback loops” und die Bildung von Netzwerken für nachhaltiges Lernen.

Diese Ziele sind auch für Think Tanks von großer Bedeutung. Es ist also höchste Zeit, die Debatte über Lernen und Lernprozesse in internationalen Organisationen, Regierungen und Think Tanks voranzutreiben und zu prüfen, welche Rolle Konzepte wie das der Lernspirale dabei spielen können. Denn langfristig sollten auch Think Tanks nicht nur Expertise in Fachgebieten, sondern auch Expertise in der Gestaltung von Lern- und Wissensprozessen entwickeln, um im Wettbewerb um die besten Ideen und deren Verbreitung erfolgreich zu sein.

Bilder: Bidjan Nashat, Weltbank

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