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Der neue Kulturkampf: Bürger vs. Nerd

Die Netzgemeinde hat einen neuen Aufreger: in seinem Buch "Dumm 3.0 - Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen" schießt der ehemalige FAZ-Redakteur Markus Reiter eine Breitseite gegen das soziale Netz. In den Leserkommentaren, so Reiter, werde "gerotzt und krakeelt", den Menschen gehe im Info-Dschungel die Orientierung und der gesellschaftliche Zusammenhalt verloren - kurz: das Netz mache den Bürger zum Mob.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Reiter habe "das Netz nicht verstanden", tönte es aus der Netzcommunity. Aber so reflexhaft die Argumente und Reaktionen beider Seiten sind: es fällt auf, dass die Kritik am Netz oft aus den Geisteswissenschaften oder dem Feuilleton kommt, während die Netz-Apologeten oft Naturwissenschaftler sind.

Beide Gruppen haben einen komplett unterschiedliches Idealbild der "res publica" - des Staates und seiner Bürger.

Für Geisteswissenschaftler ist der Staat ein normativ sehr stark aufgeladenes Projekt der Aufklärung, dessen Träger der Bildungsbürger ist. In der konservativen Ausprägung dieser Geisteshaltung gibt es starke Vorbehalte gegen direktdemokratische Elemente, die anfällig für Populisten seien und wenig Raum für konsensuale Willensbildung ließen. Der Journalismus spielt traditionell eine wichtige Rolle, weil er das Bürgertum gegenüber der Politik vertritt und letztere davor bewahrt, übermächtig und korrupt zu werden.

Für Naturwissenschaftler ist der Staat vor allen Dingen eine Frage der Organisation. Die "Schwarmintelligenz" der Bevölkerung sorgt für eine natürliche und optimale Verteilung knapper Güter unter allen Bürgern. Das Mindset dieser Gruppe ist im Wesentlichen anti-elitär, Parteien und Medien werden als störende Mittler gesehen, die nur so lange toleriert werden, wie der Staat und die Bürger nicht direkt miteinander kommunizieren können (sie auch meinen Artikel zur Liquid Democracy). Die Hauptwährung der Nerds sind Daten, nicht Werte.

Weil die grundlegenden Werte und Denkweisen dieser beiden Gruppen - der Bürger und der Nerds - so verschieden sind, bleibt das Internet in Deutschland zurück. Anstatt das kreative Potential des Netzes zu nutzen, führen wir lieber Debatten über dessen zerstörerische Kraft und beklagen die "antiintellektuelle Hetze" wie der Zeit-Journalist Adam Soboczynski.

Dabei haben beide Parteien wichtige Argumente auf ihrer Seite: es ist wichtig, dass die Gesellschaft ein "Forum des gemeinsamen Dialogs" (Reiter) braucht und dass soziale Netze im Gegenteil eine Hyper-Individualisierung fördern. Ebenso brauchen wir Medien und Journalismus, wobei es egal ist, ob hinter dem Medium ein riesiges Imperium steht oder ein einzelner, engagierter Blogger.

Auf der anderen Seite könnte das Internet die politische Kultur in Deutschland beleben. Im Unterschied zu Reiter glaube ich nicht, dass die Grundhaltung der Menschen die des Rezipienten ist. In der politischen Debatte werden zu gerne lange gepflegte Vorurteile wie dieses bestätigt, ohne dass man diese empirisch belegt. Politische Debatten sind stark normativ, wenig empirisch geprägt.

Die technische Kompetenz der Nerds kann dabei helfen, dass wir die Welt besser verstehen. Wir leben heute in einer Welt, in der Informationen zwar keine Mangelware sind, gute Analysen hingegen schon. Der britische Economist untersuchte vor kurzem in einem Special, wie die pure Verfügbarkeit von Informationen Wirtschaft und Politik grundlegend verändert. In Deutschland ist Statistik allerdings immer noch ein Schmuddelkind: nicht wirklich Mathematik, nicht wirklich Sozialwissenschaften.

Eigentlich sollte das 21. Jahrhundert ein Heimspiel für Deutschland sein: wir haben nicht nur einige der größten Philosophen und Kulturschaffenden hervorgebracht, sondern gelten auch als eine Nation der Techniker und Ingenieure. Wenn beide Gruppen sich endlich zusammentun würden, anstatt über die Deutungshoheit im Netz zu streiten, könnten wir das Internet wirklich ändern.

Hinweis: Informationen zum Buch "Dumm 3.0" finden sich in zwei Interviews mit Markus Reiter auf Zeit Online und bei den Webevangelisten.

Foto: preater, Wordle word cloud based on LibraryThing tags, Lizenz: CC BY-SA 2.0. Dieser Artikel ist am 6. April 2010 auch bei carta.info erschienen.

{ 1 comment… add one }

  • Christoph Fleischer 30. March 2010, 11:14

    Wie so oft, läßt sich eine Auseinandersetzung nur führen, indem man Alternativen erzeugt, hier die zwischen den Geisteswissenschaft und den Naturwissenschaften. Die Interdependenz wird ausgeblendet. Das Ende der Metaphysik nach Jürgen Habermas bezieht auch die Wissenschaften mit ein, nicht nur die Religion. Im Detail wird man sehen, worauf es hinausläuft. Die Schülerinnen und Schüler beispielsweise zitieren ungefragt Wikipedia-Artikel, manchmal sogar ohne sie selbst verstanden zu haben. Markus Reiter vertritt in seinem Buch übrigens auch das Internet und dessen Nutzwert, bietet seine Dienste an, schreibt einen Blog und twittert. Sein Buch muss nicht auf der Folie der Alternativen verstanden werden, aber es enthält interessante Beobachtungen und Reflektionen. Beide Seiten machen den Fehler, den Eindruck zu erzeugen, als würde die Menschheit immer nur ein Medium nutzen. Das Buch und das Internet haben den Markt nur unter sich aufzuteilen. Worüber da aufregen? Siehe auch: http://www.der-schwache-glaube.de/information-in-the-first-life-christoph-fleischer-werl-2010-rezension-zu-markus-reiter-dumm-3-0.html

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