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Ian Bremmer und Preston Keat: The Fat Tail

Ian Bremmer und Preston Keat: The Fat Tail

Der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens hängt nicht nur von betriebswirtschaftlichen Faktoren und Prozessen ab, sondern auch von ihrem Wissen über politische Risiken sowie ihrer Fähigkeit, darauf angemessen zu regieren. Insbesondere in strategischen Branchen wie dem Energiesektor spielen politische Risiken eine wichtige Rolle. Und obwohl Unternehmen viel Zeit und Geld in die Beobachtung von betriebswirtschaftlichen Risiken investieren, wird politischen Risiken oft nur wenig Aufmerksamkeit zuteil. Das ist die Kernthese von Ian Bremmer und Preston Keat, die sie in ihrem Buch “The Fat Tail” ausführlich behandeln. Die Autoren schreiben aus der Perspektive eines Praktikers: Bremmer ist Präsident der Eurasia Group, eines Unternehmens, das sich auf die Beobachtung politischer Risiken in Osteuropa und Asien spezialisiert hat; Keat ist Director of Research im gleichen Unternehmen.

Der weitaus größte Teil des Buches widmet sich der Beschreibung der verschiedener Risiken, denen sich Investoren gegenübersehen, von Bürgerkriegen und “failing states” bis zu Terrorismus, Enteignung oder regulatorischen Risiken, die auch in der industriellen Welt häufig vorkommen. So vielfältig diese Risiken sind, so schwierig sind sie vorherzusehen oder in betriebswirtschaftliche Größen umzuwandeln. Dabei treten politische Risiken häufiger auf als allgemein angenommen. Manche Risiken wie soziale Unruhen oder Korruption verlaufen über lange Zeit unbeobachtet unter der Oberfläche, bis sie plötzlich ausbrechen und schnell bedrohliche Ausmaße annehmen. Die weltweiten gewaltsamen Proteste gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen mehr als ein halbes Jahr nach deren Veröffentlichung in Kopenhagen sind ein eindrucksvolles Beispiel für den titelgebenden “fat tail” politischer Risiken.

Im Vergleich zur Beschreibung verschiedener Risiken werden den Methoden der politischen Risikobeobachtung nur wenig Raum gegeben. Zu den üblichen Instrumenten gehören unter anderem Risk Maps, Szenarioanalysen und länderspezifische Stabilitätsanalysen, die versuchen zu antizipieren, wie stabil ein Land im Falle einer Katastophe sein wird.

Um Risiken zu beeinflussen, können Unternehmen versuchen, entweder die die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens eines politischen Risikos oder deren Auswirkungen auf das Geschäft zu vermindern. Dazu gehören unter anderem betriebswirtschaftliche Strategien wie Joint Ventures mit lokalen Partnern und die Finanzierung durch lokale Banken oder internationale Institutionen. So kann ein Unternehmen bereits zu Beginn eines Investitionsprojektes eine breite Allianz gegen mögliche Regulierungen oder gar Enteignungen schaffen.

Das Politik einen erheblichen negativen Einfluss auf Investitionsentscheidungen haben kann ist zwar keine neue, aber eine häufig unterschätzte Beobachtung. In der mit erheblichen Risiken verbundenen Wirtschaftskrise ist “The Fat Tail” deswegen gerade die richtige Lektüre. Leider bleiben Bremmer und Keat zumeist auf einer beschreibenden Ebene und bieten zu wenig Informationen über Instrumente und Methoden für das Management politischer Risiken – hier wollten sich beide offensichtlich nicht zu sehr in die Karten schauen lassen.

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Für ein exportotientiertes Land wie die Bundesrepublik sind politische Risiken besonders relevant – umso erstaunlicher, dass es in Deutschland keine Firmen wie die Eurasia Group gibt. In diese Lücke könnten natürlich Think Tanks springen; dazu ist aber ein methodischer Ansatz notwendig, der ökonomische Kennziffern mit der Analyse qualitativ zu messender politischer Aspekte verbindet und in sinnvollen Zusamenhang bringt. Auch müssen Methoden der Risikoanalyse entwickelt werden und die Kommunikation solcher Analysen verbessert werden, damit Risikoanalysten nicht als Kassandra enden, deren düsteren Vorhersagen keiner Glauben schenken mag.

Diese Rezension ist zuerst auf thinktankdirectory.org erschienen.

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