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Brexit: ein Methusalemkomplott?

Foto: freestocks.org, Lizenz: CC0 1.0

Out. Und auf Twitter waren die Verantwortlichen für den Sieg der Brexit-Befürworter schnell ausgemacht. Tausendfach wurde dieses Bild geteilt, das zeigen soll, wie ein Kartell der Alten den überwiegend pro-europäischen Jugendlichen die Chancen auf eine Zukunft in Europa verbaut.

Ist der Brexit also ein Methusalemkomplott? Selbst die altehrwürdige Frankfurter Allgemeine fordert angesichts des zukunftsvergessenen Wahlergebnisses eine "neue Rebellion" (ein lesenswerter Text übrigens!).

Der Riss durchs Land ist nicht nur eine Generationenfrage

Aber: alleine die Alten für den Ausgang des EU-Referendums verantwortlich zu machen ist genauso populistisch wie manche Slogans der Brexit-Kampagne, die mit der Angst vor Migration und Ausländern auf Stimmenfang ging.

Es stimmt zwar: zwischen den Generationen war die Kluft zwischen den EU-Gegnern und den -Befürwortern besonders groß. Aber: die Konfliktlinie in Großbritannien ist vielschichtig, sie verlief auch zwischen Nord und Süd, Stadt und Land, arm und reich.

Schuld am Ergebnis ist vor allem eine toxische Kampagne

Der alleinige Blick auf das Alter der britischen Wähler macht den Bock zum Gärtner - Schuld am Ausgang des Referendums ist weniger eine Verschwörung der Alten, sondern eine toxische Kampagne, die mit unterschwelligen Ängsten vor Überfremdung und einem Verlust nationaler Eigenständigkeit sowie mit schlichten Lügen Stimmung für den Brexit machte - schon heute morgen musste UKIP-Parteichef Nigel Farage live im Fernsehen eines der Kernversprechen seiner Kampagne zurücknehmen.

Die Journalistin Heidi N. Moore sprach deswegen vom "Jahr, in dem die Fakten gestorben sind" und die Harvard Business Review schreibt, dass die Leave-Kampagne deswegen so erfolgreich gewesen ist, weil sie auf Emotionen setzte, nicht auf Fakten und rationale Argumente.

Die Post-Demokratie gerät an ihre Mobilisierungsgrenze

Klar scheint auch: das Leave-Camp schaffte es, ein Gemeinschaftsgefühl unter seinen Unterstützern zu schaffen und den Menschen eine Richtung zu geben, während im Remain-Camp viele einzelne Gründe für einen Verbleib genannt wurden, aber kaum eine kollektive Identität geschaffen wurde. Die hoch-individualisierte Post-Demokratie gerät im Zeitalter der Populisten an ihre Mobilisierungsgrenze.

David Cameron hat heute seinen Rücktritt als Premierminister bekannt gegeben - er hat sich klar verkalkuliert.

Aber in einer anderen Welt wäre auch ein Szenario denkbar, in der David Cameron nach dem (nicht bindenden) Referendum vor die Presse tritt und sagt:

Ich nehme das Ergebnis des Referendums zur Kenntnis. Die Abstimmung hat gezeigt, wie tief gespalten das Land in Bezug auf die Zukunft unserer Beziehung zur Europäischen Union ist. Keine der Kampagnen hat einen eindeutigen Sieg davon getragen und der sofortige Brexit birgt deswegen die Gefahr, das unser Land auseinander bricht.

Als Premierminister der Engländer, Schotten, Waliser und Nordiren ist es meine Verantwortung, die Einheit dieses Landes zu erhalten. Deswegen rufe ich heute ein dreimonatiges Moratorium aus, in dem wir uns gemeinsam mit dem britischen Parlament, dem House of Lords, der Europäischen Kommission und der anderen Mitgliedsstaaten der EU über die Zukunft Großbritanniens in der Europäischen Union beraten. Das Ergebnis dieser Verhandlungen stellen wir dem britischen Volk in einer Unterhauswahl zur Abstimmung.

Unrealistisch? Vielleicht. Andererseits: bereits jetzt mehren sich Stimmen in Großbritannien - auch im Lager der Brexit-Befürworter - die von einer zweiten Abstimmung sprechen. Dabei könnte es dann zum Exit vom Brexit kommen. Und mit seiner Ankündigung, dass der formale Prozess des Austritts erst durch seinen Nachfolger begonnen werden solle, hat Cameron Zeit für genau diesen Plan B gewonnen. Europa und Großbritannien wären mit einem blauen Auge davon gekommen.

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Foto: freestocks.org, Lizenz: CC0 1.0

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