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Kanzler oder Kanzlerin?

Der verbale Schlagabtausch der politisch-publizistische Elite in den unzähligen Talkshows konnte einem schon während des Wahlkampfes mehr als einmal auf den Geist gehen.Und selbst viele Redakteure zeigten sich erleichtert, dass der Wahlkampf, der bis zum Wahlabend entschieden schien, dieses Mal nur kurz war. Das uneindeutige Wahlergebnis und die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD lassen die Politik-Experten aus der zweiten Reihe jedoch auch nach der Wahl im Rampenlicht stehen, wie gerade eben in "Hart aber Fair": Dieselben Themen, dieselben Personen – darunter der unverhohlen parteiische Ulrich Reitz (Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung und Alice Schwarzer, die ihre Partei anscheinend nach dem Geschlecht des Kanzlerkandidaten auswählt.

Zufällig kommentierten beide gemeinsam auch das TV-Duell während des Wahlkampfes. Dabei sahen sie Angela Merkel, die "überraschend gut" gegen den "Favoriten" Schröder abgeschnitten habe, als eigentliche Siegerin des Duells (was die Mehrheit der Zuschauer aber nicht fand). Nach der Wahl sind die Rollen auf einmal verkehrt: Schröder hat in einem unglaublichen Wahlkampf die Transformation vom "Herausforderer im Amt" zum nahen Gewinner geschafft und die SPD vor einem bodenlosen Absturz bewahrt. Aber für Schwarzer und Reitz, die im Wahlkampf noch so vehement Merkels Sieg im TV-Duell auf der Basis von relativen Gewinnen ("sie war besser als erwartet") verteidigt hatten, zählen jetzt nur noch absolute Gewinne (beziehungsweise Verluste, weil beide Volksparteien in der Wahl Stimmen verloren haben). Politischer kann Journalismus kaum sein.

Es ist richtig: Die CDU/CSU ist die stärkste Fraktion (da helfen auch die Rechenspiele der SPD nicht), aber sie hat die Wahl eben nicht gewonnen. Sie ist auf Koalitionsverhandlungen angewiesen, und weil es mit der FDP alleine eben nicht reicht, bedeutet das Gespräche mit der SPD. Und die Spitzenkandidaten der beiden großen Parteien sind eben Angela Merkel und Gerhard Schröder. Beide sollten deshalb die Koalitionsverhandlungen leiten.

Schröder weiß selbstverständlich (oder wird zumindest ahnen) dass er als Spitzenkandidat des kleineren Koalitionspartners kaum Kanzler werden kann. Und er weiß, wie schwierig das Regierungsgeschäft mit einer nur widerspenstig folgenden Mehrheit ist. Selbst wenn er könnte, wird er sich daher gut überlegen, ob er Kanzler einer Großen Koalition sein will.

Und zu guter letzt ist unwahrscheinlich, dass Schröder in vier Jahren noch einmal als Kanzler kandidieren würde (schon 1998 sagte er, dass acht Jahre für einen Kanzler "eine gute Zeit" seien). Für die SPD wäre es deswegen strategisch besser, schon während einer Großen Koalition einen neuen Spitzenkandidaten aufbauen zu können. Aber jetzt ist Schröder der Spitzenkandidat der SPD, und die CDU ist auf ihn angewiesen, wenn Sie eine Koalition mit den Sozialdemokraten führen will. Ob sie will oder nicht.

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