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Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes

Die Machtergreifung der Bolschewiki in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts war weniger ein Sieg der Arbeiterklasse als eine Niederlage der Demokratie. Systematisch marginalisierten die bolschewistischen Führer die liberalen Elemente in der russischen Gesellschaft und erzeugten eine feindliche Stimmung gegen die burschui, bis ihre eigene Herrschaft auf brutale Art und Weise konsolidiert war. "Wie viele kommunistische Machtübernahmen", so fragt der britische Historiker Orlando Figes, "mögen wohl an der Apathie der Wähler in einer Demokratie gelegen haben?"

Und überraschenderweise zeigt Figes in seinem Buch "Die Tragödie eines Volkes" (Berlin Verlag 2008) auch deutlich, dass das bolschewistische Regime zwar den Absolutismus abschaffte, selber aber auf ähnlichen Prinzipien basierte wie die alten Zarenherrschaft. "Wenn 10.000 Adlige ganz Russland regieren konnten, warum dann nicht auch wir?" soll Lenin einmal bezeichnenderweise gesagt haben. Besonders deutlich wird dies an der Bevorzugung der Parteimitglieder als Bürger 1. Klasse: Während die Fabrikarbeiter in den 1920er Jahren oft Hunger leiden mussten, zogen die Schergen der "Arbeiterführer" über das Land und pressten die Bauern aus, damit die Parteimitglieder in Moskau und St. Petersburg im Überfluss schwelgen konnten.

[aartikel]3827008131:right[/aartikel] Die Geschichte der russischen Revolution ist aber auch die Geschichte einer Reihe faszinierender und tragischer Personen wie dem rätselhaften Mönch Rasputin, Liebhaber der Zarin, geheimer Strippenzieher am Hof und der Legende nach so gut wie unsterblich - siebenmal musste er getötet werden, damit seine Mörder sicher sein konnten, dass er den Anschlag nicht überleben würde. Oder Minister Stolypin, der von den Kommunisten als absolutistischer Mörder bezeichnet wurde (eine Henkersschlinge wurde nach ihm "Stolypinkrawatte" benannt) und von den Liberalen als letzter Reformer, dem es hätte gelingen können, das absolutistische Russland auf den Weg nach Europa zu führen. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, wie so oft im Riesenreich Russland.

Figes nutzt die persönlichen Schicksale einer Reihe herausragender Männer, um zu erklären, wie sich die Machtgleichgewichte immer mehr in Richtung der Bolschewisten verschoben. Zu diesen Persönlichkeiten gehört Fürst Lwow, der Begründer der Semstwo-Bewegung in Russland, einer lokalen Selbstverwaltung der Bauern. Fürst Lwow muss das Verdienst angerechnet werden, Russland mehr als einmal vor dem Hungertod gerettet zu haben, indem er während des Weltkriegs und der Hungersnot der 1920er Jahre die Verteilung der wenigen Hilfsgüter übernahm. Fürst Lwow starb 1925 im Pariser Exil. Kein Denkmal erinnert heute mehr an ihn.

Auch Maxim Gorki gehört zu den tragischen Figuren der russischen Revolution. Der Schriftsteller hat durch seine persönliche Intervention viele Menschen vor der Verurteilung durch die Bolschewiki gerettet. Obwohl er ein Sozialist war, gehörte er zu den Kritikern der Revolution, die die brutalsten Seiten der russischen Seele an die Oberfläche brachten und vor allen Dingen jede Kunst und jede Kreativität zerstörten. Deswegen glich seine Wohnung in St. Petersburg zeitweise einem Flüchtlingslager für Intellektuelle und aus ganz Russland wandten sich die Menschen mit ihren Bitten an ihn, wie sie es vorher bei Rasputin getan hatten.

Weniger bekannt sind Figuren wie der Bauer Sergej Semjonow, der während seines Dienstes in der russischen Armee nicht nur den Sozialismus kennenlernte, sondern auch moderne Anbaumethoden, und der damit zu einem Führer der Bauernrevolution auf dem Land wurde. Oder General Brussilow, der Held der zaristischen Armee des Ersten Weltkrieges, der später zu den Roten überlief, um den endgültigen Zerfall des Russischen Reiches zu verhindern. Auch er eine tragische Figur.

Detailliert beschreibt Figes die verschiedenen Phasen vor, während und nach der Russischen Revolution: Die Realitätsferne des alten zaristischen Regimes, dass noch nicht an eine Revolution glaubte, als die Massen 1905 schon auf den Winterpalais zumarschierten, die kurze Phase der bürgerlichen Freiheit und die Zögerlichkeit, mit der die Bolschewiki 1917 die Macht übernahmen (schließlich hatte es in Russland noch keine bürgerliche Revolution gegeben, die laut Marx der sozialistischen Revolution vorhergehen musste) und den Terror, mit dem die Bolschewiki schließlich ein totalitäres System aufbauten, als die Räte die Macht übernommen hatten.

In der Tradition britischer Historiker wie Niall Ferguson und Philipp Blom schreibt Figes dabei in einem leicht lesbaren, erzählerischen Stil, der "Die Tragödie eines Volkes" fast zu einem Roman werden lässt. Die Russische Revolution hat die Welt verändert wie nur wenige andere historische Ereignisse vor ihr. Noch heute, beinahe über hundert Jahre nach den ersten Protesten 1905, wirft die Revolution ihren Schatten über Europa. Deswegen ist dieses Buch auch heute noch eine Pflichtlektüre für alle, die sich für Europa interessieren.

Foto: Paraschiv Alexandru, Untitled, Lizenz: CC BY 2.0

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