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Eurovision Song Contest: an inconvenient truth

Ein Gespenst geht um im alten Europa: das Gespenst der Verschwörung der Ex-Sowjetrepubliken. Wie schon 2004, 2002, 2001 und 1989 führte die "osteuropäische Mauschelei" (so die Süddeutsche Zeitung) dazu, dass mit Russland ein ehemaliger Ostblockstaat den Eurovision Song Contest für sich entscheidet. Ein Skandal!, schreien die empörten deutschen Fernsehzuschauer, denn immerhing gehört Deutschland zu den großen Geldgebern des Sängerwettstreits – wären dafür nicht wenigstens ein paar Punkte Dankbarkeit angebracht?

"Es klingt wie eine Verschwörungstheorie", schreibt der Tagesspiegel, "es ist auch eine, aber eine, die stimmt: Sieht man vom deutschen Beitrag ab, hat die musikalische Qualität der Songs mit dem Abschneiden immer weniger zu tun. Die Osteuropäer schustern wie immer den Nachbarn die Punkte zu". Aber ist der Erfolg der osteuropäischen Staaten wirklich nur den Nachbarschaftsvoten zu verdanken?

Wenn es alleine nach den Nachbarn ginge, müsste Deutschland ganz vorne liegen – kein europäisches Land hat so viele Nachbarn wie die Bundesrepublik. Ein Körnchen Wahrheit ist natürlich trotzdem dran an diesem Eindruck. Russland hat am vergangenen Sonntag fünfmal die vollen 12 Punkte bekommen: von Weißrussland (mit einer russischen Minderheit von 11,4 Prozent), Estland (25,6 Prozent), Israel (es gibt sogar eine russische Immigratenpartei in Israel), Lettland (29,6 Prozent) und Litauen (8 Prozent). Und wie Stefan Niggemeier schreibt, ist der Sieger Dima Bilan auch in diesen Staaten ein Superstar. Das, glaube ich, hängt aber auch wiederum mit der großen russischen Minderheit dort zusammen. Es ist also vermutlich die ethnische Vielfalt auf dem Balkan, die zu den vermeintlichen "Nachbarschaftsvoten" führt, und nicht die Solidarität unter Ex-Sowjetrepubliken. Aber wer würde es dem Balkan nicht gönnen, dass die Multi-Ethnizität Osteuropas, die zu so vielen Kriegen geführt hat, endlich auch einmal etwas Positives hat?

Für den Erfolg Osteuropas beim europäischen Sängerwettstreit ist aber ein zweiter Faktor noch entscheidender: weil das neue Europa zeigen will, dass es auch dazu gehört, investieren sie viel Kapital in die Vorbereitung ihrer Künstler und holen sich die besten Berater aus dem Westen. Beispiel Serbien 2008: die Show in Belgrad musste den Vergleich mit dem Westen in keinerlei Hinsicht scheuen, und Russland soll nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung insgesamt zehn Millionen Dollar in den Siegerbeitrag gesteckt haben. Neben dem Sänger Dima Bilan traten während des russischen Beitrags der ukrainische Star-Geiger Edwin Marton und der Weltklasse-Eisläufer Stéphane Lambiel auf einer eigens geschaffenen Mini-Eisfläche auf. Produziert wurde das Spektakel von Timbaland, der auch Künstler wie Justin Timberlake und Madonna produziert.

"Sänger Dima Balan hat gezeigt, was man mit Geld alles erreichen kann", nörgeln die ewig Meckernden, aber die Wahrheit ist: der Osten liefert seit Jahren die wirklichen Innovationen auf dem Eurovision Song Contest, während die Musikindustrie im Westen so festgefahren ist, dass nur weichgecastetes Mittelmaß produziert wird – wie zum Beispiel die No Angels. In Deutschland reduziert sich der nationale Vorentscheid seit Jahren auf die Frage, ob Ralph Siegels Kandidat gewinnt oder derjenige von Stefan Raab. Innovation sieht anders aus.

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