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Parag Khanna: Der Kampf um die Zweite Welt

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben die Europäer die Geopolitik – die sie selbst im 19. Jahrhundert erfolgreich betrieben hatten – weitgehend den Amerikanern überlassen, die dadurch zu einem "Imperium wider Willen" (Niall Ferguson) geworden sind. Der von den Vereinigten Staaten propagierte Deal – Sicherheit gegen ökonomische Vorteile und Demokratisierung – wird inzwischen allerdings von vielen Seiten in Frage gestellt. Es entsteht – so die zentrale These von Parag Khanna - ein "Kampf um die Zweite Welt" zwischen den USA, der Europäischen Union und der Volksrepublik China.

In Anlehnung an die Pioniere der gepolitischen Weltgeschichte hat sich Parag Khanna, Senior Research Fellow der New America Foundation, auf eine Reise durch die Zweite Welt gemacht und dort mit Professoren, Politikern, Taxifahrern und Studenten gesprochen. Und fast überall auf der Welt, so das besorgniserregende Ergebnis dieser Gespräche, sinkt der Einfluss der USA. Das auf Koalitionen basierende imperiale Modell der USA kann sich nicht gegen das konsensorientierte Modell der EU und das konsultative Modell der Chinesen durchsetzen.

Khannas Buch hat den leichten Stil eines Reiseführers, der jedoch nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass Khanna durchaus ein intellektuelles Schwergewicht ist. Der "wonderwonk" (so dass Magazin Wired über Khanna) wurde in Indien geboren, wuchs in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Deutschland auf und arbeitete unter anderem für den Council on Foreign Relations, Brookings und das World Economic Forum. "Ich glaube, ich bin die einzige Person, die mit 30 bereits sieben Mal in Davos war", sagt Khanna über sich selbst und fügt selbstironisch hinzu: "Ich weiß nicht, ob das etwas Gutes ist."

Und so wie manche Reden auf Davos erscheinen auch manche der Antworten in Khannas Buch ein wenig zu vorschnell, einige der bereisten Länder werden nur holzschnittartig angerissen und komplexe wirtschaftliche und soziale Entwicklungen werden verknappt dargestellt. Aber zweifellos stellt Khanna die richtigen Fragen und wie manch andere Amerikaner (etwa der Zukunftsforscher Jeremy Rifkin) zeigt auch Khanna eine große Sympathie für das europäische Modell der regionalen Integration, dass auch in anderen Weltregionen für Stabilität sorgen könne. Wirtschaftliche und politische Entwicklung – das ist eine der Kernaussagen Khannas – muss regional, nicht national gedacht werden. Die Schaffung einer eigenen "peer group" für eine Region wirke disziplinierend und motivierend, genauso wie die "unsichtbare Hand" der Kopenhagener Kriterien bereits jetzt stabilisierend auf dem Balkan wirkt.

Neben den 'üblichen Verdächtigen' lenkt Khanna die Aufmerksamkeit der Leser auch auf einige wichtige Länder und Regionen, die von westlichen "policy makers" bislang noch vernachlässigt werden: der gesamte Maghreb gehört etwa dazu, den Khanna als natürlichen Teil der "Eurosphäre" sieht, aber auch Staaten wie das "grüne" Brasilien oder Argentinien, das sich derzeit auf dem Abstieg in die Dritte Welt befinde. Auch in Asien setze sich anstelle von "westlichen" Werten eine asiatische Version des "Gesellschaftsvertrages" durch, der sich durch offenen Gesellschaften, aber ein im Vergleich dazu geschlossenes politisches System auszeichne, bei dem Demokratie als Mittel zum Zweck, nicht als eigenständiger Wert, gesehen werde.

Eine geopolitische Herausforderung bleibt offensichtlich auch der Nahe und Mittlere Osten. Die Länder dieser Region sind geeint durch überwiegend antiamerikanische Regierungen, getrennt durch die Unfähigkeit zu regionaler Integration nach dem Vorbild der EU (auch wenn Khanna Dubau als "kleines Brüssel" beschreibt) und unabhängig von chinesischen Entwicklungsgeldern. Sie bilden also ein Machtvakuum in Khannas Imperientheorie. An diesem Beispiel zeigt sich, dass Khannas realpolitisches Erklärungsmodell in manchen Regionen schlicht zu kurz greift.

Die Dialektik von Geopolitik und Globalisierung (und der Rolle von Imperien in beiden), die Khanna in seinem Buch diskutiert, kann er letztendlich nicht auflösen oder erklären. Aber man muss Khannas Realismus nicht teilen, um sein Buch trotzdem schätzen zu können. Es hat die Diskussion über das globale Machtgleichgewicht im 21. Jahrhundert erst eröffnet.

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