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Energiewende-Verlierer: welche Schuld haben die Stromkonzerne?

Energiewende-Verlierer: welche Schuld haben die Stromkonzerne?

Stromtrasse

Ex-Wirtschaftsminister Werner Müller hat kein Mitgleid mit den unter der Energiewende leidenden Stromkonzernen E.ON, RWE, EnbW und Vattenfall. “Die Unternehmen hätten ja den Aufbau von regenerativen Energien frühzeitig selbst in die Hand nehmen können”, so der Müller in der Wirtschaftswoche. Statt dessen hätten die Versorger abgewartet und gehofft, das eine neue Regierung die Laufzeiten der Kernkraftwerke wieder verlängert. Die Stromkonzerne seien also selbst Schuld an ihrer Misere.

Union und FDP lockten mit Laufzeitverlängerung

Es stimmt: die Großen Vier haben 2002 den Atomausstieg selbst mit verhandelt. Der damaligen rot-grünen Koalition war es wichtig, dass die Konzerne Zeit für den Aufbau neuer Geschäftsmodelle bekommen. Dass die Energieversorger stattdessen lieber Lobbystrategien für den Ausstieg aus dem Austieg entwickelt haben (die schließlich von der taz veröffentlicht wurden), scheint Müllers These zu bestätigen.

Aber es gibt auch eine andere Seite. Die damalige schwarz-gelbe Opposition ließ keinen Zweifel daran, dass sie den Atomausstieg rückgängig machen würde. Aus Sicht der Stromkonzerne war es deswegen durchaus rational, abzuwarten und darauf zu setzen, dass die nächsten Bundestagswahlen eine neue politische Mehrheit bringen.

Energieversorger, Union und FDP haben allerdings übersehen, dass die gesellschaftliche Mehrheit für die Atomenergie schon lange verschwunden war – auch in ihren eigenen Reihen. Als mit Fukushima dann die erste große Reaktorkatastrophe in einem Industrieland die Welt schockte, war die Atomkraft auch in Deutschland nicht mehr zu halten. Dieses Mal durften die Energiekonzerne den Ausstieg allerdings nicht mitverhandeln.

Das Nachtreten von Werner Müller ist fehl am Platz

Der Ursprung der gegenwärtigen Misere der Energieversorger liegt also nicht alleine in der Verweigerung, frühzeitig auf Erneuerbare Energien zu setzen, sondern auch in den süßen Versprechungen der schwarz-gelben Opposition von einem politisches Revival der Kernenergie und der – letztlich fatalen – Unterschätzung der breiten gesellschaftlichen Ablehnung der Atomkraft.

Das Nachtreten von Werner Müller ist trotzdem fehl am Platz, weil zehntausende Menschen, vor allen Dingen im ohnehin gebeutelten Nordrhein-Westfalen, nun um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen. Und weil den Kommunen, die zu den Hauptanteilseignern von RWE gehören, darüber hinaus wichtige Einnahmen weg brechen, die in den Sozialhaushalten der Städte fehlen werden.

See Also

Wie sagt man im Pott doch gleich: “Dat kannste schon so machen, aber dann isses halt kacke.”

Nachtrag: Werner Müller war zwar Minister in einem rot-grünen Kabinett, ist aber parteilos und kein Sozialdemokrat wie hier ursprünglich geschrieben.

Foto: Grzegorz Grzesiak, Lizenz: CC BY 2.0

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View Comments (2)
  • Die erste Energiewende (Ausstieg vom Atomausstieg) von Angela Merkel war allerdings keine Wende, sondern nur eine Verlängerung des phase out.

    Kaum vorstellbar ist die Annahme, dass die 5 EVUs die im deutschen Atomforum die Kommunikation zur Nuklearenergie bündelten, kein genaues Bild über die Einstellung der Bevölkerung hatten. Im Gegenteil dürfte man dort genau registriert haben, dass es in dieser Frage relative wenig Bewegung in den Meinungsmehrheiten gab. Unterschätzt wurde (nicht nur die EVUs) allerdings die Bereitschaft in der CDU bei Gelegenheit / Notwendigkeit sich eines gesellschaftlichen Dauerkonfliktes zu entledigen, in dem die CDU zusehends in eine Minderheitenposition geriet und damit insbesondere von den Grünen getrieben werden konnte. BK Merkel hat in der damaligen Situation und dem drohenden Verlust von BW (ähnlich wie der Verlust NRWs für die SPD) strategisch logisch gehandelt – die EVUs konnten dabei auch nur noch zusehen.

    Strategisch sind zudem alle Kraftwerke vom Problem der volatilen EE-Einspeisung betroffen. D.h., dass Brennstoff- und Emissionskosten die entscheidende Variable für die Verteilung der übrig gebliebenen Laststunden sind.

    Bleibt die Frage: Was für eine EEG-Kostendiskussion würden wir heute führen, wenn die großen (und kleinen EVUs inkl. Stadtwerke) massiv und großflächig in die EE investiert hätten? Insofern gebe ich Müller recht, die damaligen Zurückhaltung, die EEG-Renditen mitzunehmen ist erstaunlich, oder, in Anbetracht teilweise hoher Betriebskosten für EEG-Anlagen, auch wieder verständlich.

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