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Politik, Kultur, Diskurs – Gedanken zu unserer Zeit

Politik, Kultur, Diskurs – Gedanken zu unserer Zeit

Ein Satz von Darren Walker, Präsident der gemeinnützigen Ford Foundation, zur Relevanz der „Black Lives Matter“-Bewegung beschäftigt mich nachträglich:

For white Americans [this] was a moment of national heartbreak because racism in its crudest form and most potent form – being killed by someone whose remit it is to protect – demonstrated that deniability for white people was no longer an option when it comes to racism in America.

Haben wir den strukturellen Rassimus zu lange ignoriert oder nicht wahrnehmen wollen – auch wenn wir ihn vielleicht oberflächlich zur Kenntnis genommen haben? Und erkennen wir die Ausmaße des alltäglichen Rassismus heute wirklich besser?

Wer wie ich als weißer Mann in einem der wohlhabendsten Länder der Erde aufgewachsen ist, hat nie wirklich erfahren müssen, wie es ist, diskriminiert zu werden.

Nicht immer ist Diskriminierung offen sichtbar, weil man nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird oder nicht am Türsteher vorbeikommt. Diskriminierung geht viel tiefer: Studien zeigen zum Beispiel, dass Angeklagte oft längere Strafen für dasselbe Verbrechen bekommen, wenn sie stereotypische „afrikanische“ Gesichtszüge zeigen.

Diversität bedeutet nicht Gleichschaltung

Sich und sein Handeln zu hinterfragen, klingt deswegen nach einer sinnvollen Möglichkeit, expliziten und impliziten Rassismus und andere Diskriminierungen zu vermeiden. Deswegen ist auch die Initiative der Filmförderung Schleswig-Holstein lobenswert, einen Diversity-Fragebogen herauszugeben, damit Filmschaffende sich mit ihren unbewussten Klischees auseinandersetzen.

Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, dass das Drehbuch divers geschrieben sein muss, um eine Förderung zu erhalten, sondern darum, den Blick für verschiedene Sichtweisen zu schärfen.

Auf Twitter wurde das Vorhaben als „Gleichschaltung“ bezeichnet. Aber ist das Hinterfragen seiner eigenen Haltung nicht gerade das genaue Gegenteil von Gleichschaltung?

Die politische Debatte krankt am confirmation bias

Die öffentliche Debatte über Diversität, Gleichberechtigung und Rassismus krankt an beiden politischen Rändern: Die eine Seite hat ein sehr feines Gespür für die ungerechte Behandlung weißer Männer (etwa durch eine Frauenquote), scheint zugleich aber nicht imstande zu sein, Diskriminierung gegen andere Bevölkerungsgruppen zu erkennen.

If I say something that causes offence, then I have to learn to stop saying it. Right away.

Lucy Kellaway

Es geht dabei nicht um „politische Korrektheit“, wie die ehemalige Journalistin Lucy Kellaway in einem lesenswerten Artikel in der Financial Times schreibt: „The matter was as simple as this: if I say something that causes offence, then I have to learn to stop saying it. Right away.“

Die politische Linke wiederum leidet an einem kollektiven confirmation bias: Sie nimmt nur wahr, was ihre Meinung bestärkt und argumentiert aus einer moralischen Überlegenheit heraus.

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„Schlechte Ideen besiegt man, indem man sie entlarvt, durch Argumente und Überzeugungsarbeit, nicht durch den Versuch, sie zu verschweigen oder von sich zu weisen“, schreiben die 153 Unterzeichner eines offenen Briefes dazu (Update 20. Juli 2020: tante hat einen lesenswerte Kritik an dem Brief veröffentlicht).

Warum wir „radikal“ sein müssen

Update (15. Juli 2020): Adam Grant hat diese Matrix heute auf LinkedIn veröffentlicht, die wunderbar zusammenfasst, was ich auch in disem Beitrag versucht habe zu formulieren.

Am Ende dieser Entwicklung steht die Polarisierung der Gesellschaft, wie wir sie bereits in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten beobachten können.

Um das zu verhindern, müssen wir „radikal“ im Sinne der amerikanische Feministin Angela Davis sein und die Dinge „von Grund auf“ verstehen.

Anstatt Bestätigung zu suchen müssen wir zum Widerspruch auffordern. Wir müssen akzeptieren, dass unsere Sicht auf die Welt das Ergebnis unserer kulturellen Prägung ist und dass es auch andere – genau so legitime – Perspektiven gibt. Wir müssen lernen zu verlernen und verstehen, dass eine freiheitliche Gesellschaft kein Nullsummenspiel ist, bei dem die Freiheit des einen auf Kosten der Freiheit des anderen geht.

Nicht jeder wird diesen Weg mitgehen wollen. Aber jeder kann den ersten Schritt gehen.

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