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Home Office und das Büro in der Hosentasche

Home Office und das Büro in der Hosentasche

Mit einem Rechtsanspruch auf mobiles Arbeiten will Arbeitsminister Hubertus Heil das Arbeitsrecht modernisieren. Umfragen zeigen, dass 57 Prozent der Deutschen gerne gelegentlich im Home Office arbeiten würden – aber nur 30 Prozent tun dies auch tatsächlich. Es gibt also eine erhebliche Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Bei der Vorstellung der Studie „Measuring Tomorrow’s Work“, die Das Progressive Zentrum und das Policy Network in Auftrag von Dropbox erstellt haben, wurde der Arbeitsminister für seinen Vorstoß jedoch kritisiert.

„Home Office killt Innovation“, sagte der Bundestagsabgeordnete und Ex-Manager Thomas Sattelberger und zitierte den Fall Yahoo, wo Larissa Mayer 2013 das Home Office abgeschafft hatte. Gerade in Transformationsphasen sei es wichtig, dass Mitarbeiter sich an einem Ort versammeln und nicht über das ganze Land verstreut sind. Innovationen, so Sattelberger, entstehen nicht zufällig in Hubs wie dem Silicon Valley, wo es ein ganzes Ökosystem von Talenten und Kapital gibt.

Auch der Ökonom Richard Florida betont in seinem bahnbrechenden Buch „The Rise of the Creative Class“ (Amazon-Link) die Bedeutung der „drei Ts“ (Talente, Technologie und Toleranz) für die Entstehung kreativer Ökosysteme.

Dennoch: remote work, also das (temporäre) Arbeiten von zu Hause, einem Co-Working Space oder einem Café, und Innovation sind keine Widersprüche.

In Deutschland, wo es nicht ein starkes Wirtschaftszentrum gibt sondern viele kleine, oft jenseits der großen Metropolen, ist der Zugang zu gut ausgebildeten (Tech-) Fachkräften eine Herausforderung. Unternehmen wie Klöckner oder die Metro AG etwa haben ihre Digitaleinheiten nicht am Hauptsitz des Konzerns, sondern in Berlin stationiert. Videokonferenzen und Kollaborationstools erlauben dennoch den engen Austausch zwischen Zentrale und Digitalhub.

Eine kürzlich vorgestellte Studie des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung untersuchte 18 Co-Working-Projekte im Berliner Umland. Solche „urbanen Dörfer“ entlasten die stark wachsenden Metropolen und stützen gleichzeitig die ländliche Entwicklung. Vielleicht liegt darin eine mögliche Erfolgsstrategie, denn durch die enge Anbindung an die Städte verbinden ländliche Co-Working-Spaces das Bedürfnis nach Autonomie bei der Wahl des Arbeitsortes mit der Möglichkeit, ohne großen Reiseaufwand auch in der Firmenzentrale präsent zu sein.

Natürlich ist die Kritik am Recht auf Home Office nicht völlig unberechtigt. Wenn remote work der Normalfall ist und nicht lediglich eine temporäre Option bleibt die Frage, wie Arbeitnehmer in den Betrieb integriert werden können und sich nicht isoliert fühlen. Studien der London School of Economics zeigen, dass viele Arbeitnehmer – gerade jüngere – gerne ins Büro gehen, obwohl sie die Möglichkeit haben von zu Hause zu arbeiten, weil sie im Büro schneller von ihren KollegInnen lernen können.

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Der Wunsch der Arbeitnehmer nach mehr Flexibilität einerseits und der Arbeitgeber nach einer möglichst produktiven Arbeitsumgebung lässt sich vereinen, wenn sich beide Seiten aufeinander einlassen. Die richtigen technischen Tools gehören genau so dazu wie gemeinsame Regeln und Richtlinien. Zwar bleibt das Büro ein zentraler Ort für das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Firma, es ist aber nicht mehr auf den physischen Raum beschränkt, sondern begleitet uns in unseren Hosentaschen weiter.

Für die Studie „Measuring Tomorrow’s Work” haben Das Progressive Zentrum (Berlin) und Policy Network (London) mit 50 internationalen ExpertInnen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Brüssel gesprochen. Die Studie liefert Einblicke und Impulse für die Debatte über den Einfluss neuer Technologien auf die Wirtschafts- und Arbeitswelt. Dropbox hat die Studie unterstützt.

Foto: CoWomen / Unsplash

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