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Carl Benedikt Frey: „The Technology Trap“

Carl Benedikt Frey: „The Technology Trap“

Im Jahr 2013 veröffentlichten die Oxford-Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne eine der am meisten zitierten Studien der letzten Jahre zur Zukunft der Arbeit: „The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation?“ (PDF). Die Studie, die – vereinfacht gesagt – prognostozierte, welche Jobs am ehesten durch Automatisierung bedroht werden, führte zu einem weltweiten Echo und passte perfekt zur notorischen Zukunftsangst der Deutschen.

Nun hat Carl Benedikt Frey mit „The Technology Trap“ ein neues und sehr lesenswertes Buch herausgebracht, das die Angst der Deutschen vor Automatisierung durch Technologie in einen historischen Kontext stellt.

Zeitalter der Maschinenstürmer

Dabei vergleicht Frey die sozialen Proteste während der ersten Industriellen Revolution in Großbritannien und Kontinentaleuropa und die vergleichsweise hohe Akzeptanz neuer Technologien in der zweiten Industriellen Revolution, die sich zuerst in den Vereinigten Staaten abspielte.

Die erste Industrielle Revolution bracht erheblichen sozialen Unfrieden in Europa hervor. Doch während Maschinenstürmer und Ludditen in Frankreich und Deutschland erfolgreich die Einführung neuer Technologien verhinderten, stellte sich die britische Regierung auf die Seite der Industriellen. Die Briten wollten ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht durch das Verbot neuer Technologien beschränken.

Hinzu kam, dass die Ständegesellschaft in Großbritannien wesentlich weniger ausgeprägt war als in Kontinentaleuropa und dass Meinungsfreiheit, Forschungsfreiheit und die freie Berufswahl dazu führten, dass sich neue Ideen leichter durchsetzen konnten.

Warum Karl Marx’ Prognose nicht Realität wurde

Trotzdem: Von der Industrialisierung profitieren zunächst ausschließlich die Industriellen. Während die Produktivität eines Arbeiters in der Zeit von 1780 bis 1840 um 46 Prozent stieg, wuchsen die Löhne nur um 12 Prozent. Dieser Zeitraum – in der neue Technologien Arbeit ersetzen, ohne das adequate neue Arbeitsplätze entstehen, bezeichnen Ökonomen als „Engels-Pause“, benannt nach Friedrich Engels, einem engen Wegbegleiter von Karl Marx.

Marx‘ Prognose einer Arbeiter-Revolution aufgrund der unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Industriellen Revolution trat jedoch nicht ein. Im Gegenteil: Die Industrielle Revolution – das wissen wir heute – brachte einen erheblichen Wohlstandsgewinn für die breite Mehrheit der Bevölkerung, wenn auch erst mit einem Zeitverzug von einigen Jahrzehnten. Unsere heutige Konsumgesellschaft wäre ohne die Industrielle Revolution nicht möglich gewesen.

Die Industrielle Revolution brachte Wohlstand für Viele

Spätestens im 20. Jahrundert sorgte die Automatisierung dafür, dass die Gesellschaft gleicher wurde. Die Zeit zwischen 1900 und 1970 gilt in den USA als „die größte Nivellierung aller Zeiten“. Und trotz zweier Weltkriege und dem Kalten Krieg lässt sich dies auch in Europa für die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sagen.

Diese zweite Phase der Industrialisierung – charakterisiert durch die Einführung des Fließbandes durch Henry Ford und durch die Elektrifizierung der Produktion – brachte im Vergleich zur ersten Industriellen Revolution weniger soziale Verwerfungen mit sich. Frey führt das darauf zurück, dass die entscheidenden Technologien dieser Zeit Arbeit nicht (wie der Webstuhl oder die Dampfmaschine) ersetzten, sondern unterstützen.

Elektrifizierung, Reorganisation und modernes Management waren alle Teil desselben Prozesses.

Carl Benedikt Frey

Aber auch die Gewerkschaften spielten in der zweiten Industriellen Revolution eine erheblich konstruktivere Rolle als die Gilden des 18. und 19. Jahrhunderts. Anstatt den technologischen Fortschritt zu blockieren, legte die Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts ihren Fokus darauf, den technologischen Wandel zu begleiten – und dabei sicherzustellen, das die Interessen ihrer Anhänger – mehr Gehalt, weniger Arbeit und eine frühere Rente – ausreichend berücksichtigt wurden.

Zugleich wandelten sich nicht nur Produktionsprozesse, sondern auch die Natur des Unternehmens an sich: „Elektrifizierung, Reorganisation und modernes Management waren alle Teil desselben Prozesses.“ Und obwohl auch die zweite Industrielle Revolution mit massiven Arbeitsplatzverlusten verbunden war – etwa durch den graduellen Ersatz der Straßenbahn durch das private Automobil – ergaben sich zugleich neue berufliche Chancen für die arbeitslos gewordenen Straßenbahnfahrer – etwa als Trucker oder Arbeiter in einer der zahlreichen Automobilfabriken.

Kommt der „Techlash“?

Apokalyptische Szenarien zur Zukunft der Arbeit sind nicht neu. Nicht wenige glaubten zur Zeit der ersten Industriellen Revolution fest daran, dass die Produktion bald komplett automatisiert werde und dass die Arbeitsbedigungen der neuen Arbeitswelt die moralische und intellektuelle Entwicklung der Arbeiter beeinträchtige.

Frey glaubt jedoch nicht, dass technologischer Fortschritt verlangsamt werden sollte. Der Computer sei die ultimative Universaltechnologie, die in der Lage sei, jeden Aspekt unseres wirtschaftlichen Handelns grundlegend zu verändern. Und schließlich brachte auch die Industrielle Revolution langfristig gesehen einen noch nie dagewesenen Fortschritt mit sich.

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Aber er mahnt dazu, die sozialen Konsequenzen der gegenwärtigen digitalen Transformation nicht aus dem Blick zu verlieren und wirtschaftliche Einbußen abzufedern. Sonst könne es – vergleichbar mit den Maschinenstürmern des 18. und 19. Jahrhunderts – zu einer öffentlichen Gegenreaktion kommen, mit der Folge, dass andere Nationen schneller voranschreiten und damit auch die ökonomische Wertschöpfung woanders stattfindet.

Die von Marx vorhergesehene Revolution ist nicht deswegen ausgeblieben, weil die Einführung neuer Technologien verhindert wurde, sondern weil Technologie begann, im Interesse der Arbeiter zu wirken und die Arbeiter sie zunehmend als ein zentrales Instrument für die Erhöhung ihres eigenen Wohlstands sahen.

Frey warnt jedoch vor einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft. „In einer Welt, in der Technologie wenige Arbeitsplätze und enormen Wohlstand erzeugt hat, ist die entscheidende Herausforderung die Verteilungsfrage“.

Die Herausforderung betrifft nicht nur Unternehmen

Einige Besprechungen des Buchs von Frey haben kritisiert, dass der Ökonom wenig Antworten auf die von ihm geschilderten Herausforderungen bietet. Das finde ich nicht. Allerdings sieht Frey nicht alleine Unternehmen in der Verantwortung, sondern schlägt unter anderem auch Lohnauffüllungen, die Liberalisierung von Flächennutzungsplänen oder die Abschaffung von Zugangsbarrieren durch Zertifikate in manchen Jobs vor, die einen ähnlichen Effekt auf den Arbeitsmarkt haben wie Gilden im Mittelalter.

All das klingt weit weniger sexy als eine Robotersteuer oder die Zerschlagung von Internetkonzernen – zeigt allerdings, dass die Herausforderung auch wesentlich komplexer ist als so mancher talkshowerprobte Philosoph uns glauben machen will – ein absolut lesenswertes Buch!

Foto: Robert Friedrich Stieler (1847–1908): BASF-Werk Ludwigshafen 1881, Gemälde im BASF-Archiv

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