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Der schwierige Umgang mit Internet-Hetze

Foto: Acid Pix, Lizenz: CC BY 2.0

Sieben Tage lang hat Jasmin Schreiber unter dem Pseudonym Melanie bei "Dunkelfacebook" verbracht, um sich aus erster Hand darüber zu informieren, was besorgte Bürger im Netz so umtreibt.

Schon nach ein paar Logins fühlt sich Jasmin beim Scrollen durch ihre neue Timeline frustiert und niedergeschlagen:

Diese Menschen sind nur damit beschäftigt, Angst zu erzeugen und aufzuwiegeln. Und es sind viele. Sie versuchen, mich als neues Lämmchen in der Herde einzunehmen und aufzuputschen. Es zieht mich emotional runter, es nagt an mir, es schafft mich. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das so nahe gehen wird.

Der Hass in sozialen Netzwerken richtet sich gegen alles, was fremd ist - Ausländer und Flüchtlinge, Feministinnen, Liberale, Homosexuelle und Journalisten.

Bundesregierung verfolgt Hatespeech nicht konsequent

Die Bundesregierung hat deswegen eine eigene Taskforce eingerichtet und will gemeinsam mit sozialen Netzwerken "Hatespeech" im Internet bekämpfen - bisher allerdings ohne Erfolg, wie die Grünen kritisieren. Im Gegenteil: die Bundesregierung halte sich nicht einmal an ihre eigenen Vorgaben in Sachen Hatespeech, meint der Grünen-Abgeordnete Konstantin von Notz. "Jedes Ministerium geht mit strafbaren Kommentaren anders um", schreibt von Notz in einem Blogpost. "Manchmal werden diese nur 'verborgen', aber nicht gelöscht - und auch nicht an die Anbieter gemeldet. Längst nicht jedes Ministerium leitet klar strafbare Inhalte an die Strafverfolgungsbehörden weiter."

Natürlich: strafbare Kommentare müssen verfolgt werden - aber wie sieht es mit dem anderen, alltäglichen Hass aus, der dümmlich oder sogar beängstigend, aber eben nicht strafbar ist?

CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat einen eigenen Weg für den Umgang mit Trollen gefunden. Inmitten eines Schlagabtauschs mit einem Troll, der wissen wollte, wie lange Tauber schon von der Geisteskrankheit der Kanzlerin wüsste, antwortete der General einfach: "Arschloch". Dafür wurde er harsch kritisiert. Aber was will man darauf schon sagen?

Netzwerke treiben auch sozialen Wandel voran

Trotzdem: Facebook ist natürlich (genau wie andere soziale Netzwerke) nicht nur eine Plattform für blinden Hass, wie auch Jasmin schreibt: "Ich möchte zurück in meine Welt, in meine Filterbubble aus Journalisten und toleranten, weltoffenen Menschen, eine Filterbubble aus Künstlern, Politikern und meinen Freunden. Menschen, vor denen ich keine Angst habe."

Über Ostern habe ich zweit Fotos von mir und meinen Geschwistern auf Facebook gepostet, die uns in exakt gleicher Pose im Jahr 1989 und 2014 zeigen:

Der Post wurde über 50-mal geliked, von über 10 Prozent meiner Facebook-Freunde.

Wir reden oft davon, dass wir uns von Terroristen nicht unsere Freiheit zerstören lassen dürfen. Gleiches gilt für die Trolle auf Twitter und Facebook. Ja, soziale Netzwerke können Hass-Schleudern sein. Sie können aber auch sozialen Wandel schaffen.

Mir ist bewusst, dass soviel Toleranz schwer zu akzeptieren ist; ich bin in der glücklichen Position, nie Opfer von Hass im Netz geworden zu sein, obwohl ich Menschen kenne, die regelmäßig attackiert werden.

Und doch glaube ich: der Umgang mit Hass um Netz muss strafbare Aussagen konsequent verfolgen, ohne Zensur zu üben. Und er verlangt es von jedem von uns, dagegen zu sprechen wo Hass regiert. Zensur dagegen stärkt die Hass-Netzwerke, weil sie genau das Narrativ stärkt, aus dem sie ihre Daseinsberechtigung ziehen: dass sie die mutigen Bannerträger der unterdrückten Minderheitsmeinung sind.

Foto: Acid Pix, Lizenz: CC BY 2.0

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