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Brexit: bleibt Großbritannien in der EU?

Brexit: bleibt Großbritannien in der EU?

Erst drohte Frankreich fortlaufend mit seinem Veto gegen jedwede Sonderregelung, insbesondere für die britische Finanzbranche in der Londoner City. Dann verschworen sich einige osteuropäische Länder, alle britischen Sonderregelungen, darunter vor allem jene bezüglich der Einschränkung von Sozialleistungen für EU-Migranten, auch juristisch als solche zu fixieren, um deren Ausdehnung auf andere Staaten zu verhindern – eine juristisch heikle Forderung.

Angesichts dieses Entwicklungspfades ist es bemerkenswert, dass bereits im ersten Anlauf ein Deal zwischen EU und Vereinigtem Königreich, der nun die Grundlage für das Referendum über einen Verbleib Großbritanniens in der Union bilden soll, zu Stande gekommen ist.

Ohne Kabinettsdisziplin steigt das Brexit-Risiko

Entwicklungspfad ist dabei aus der Sicht von J.S. Research das Schlüsselwort. Seit Dezember 2015 verfolgen wir die Geschehnisse rund um die Brexit-Diskussion anhand eines analytischen Entscheidungsbaumes, in dem wir Etappe für Etappe die wichtigsten Bedingungen im Vorfeld des Referendums abtragen und mit Einzelwahrscheinlichkeiten gewichten; ein klassisches Instrument der Entscheidungstheorie als Alternative zur qualitativen Szenarien-Analyse.

Ex ante gelangten wir so – inklusive des aktuellen Umfragenstandes von 50:50 als Basis- oder a priori-Wahrscheinlichkeit – zu einer Wahrscheinlichkeit von rund 35 Prozent für den Brexit.

Das allerdings war, bevor David Cameron zur völligen Überraschung fast aller Beobachter – unser Haus mit eingeschlossen – von seiner zuvor noch mehrfach beschworenen Kabinettsdisziplin abrückte, so dass wir nun erleben werden, wie ausgerechnet Außenminister Philipp Hammond und Premierminister Cameron gegensätzliche Ansichten zum Brexit in der Öffentlichkeit vertreten werden.

Die Wahrscheinlichkeit für die Auflösung der Kabinettsdisziplin hatten wir auf 20 Prozent veranschlagt – also sprang unser Brexit-Barometer bei der Realisation des Gegenteils im Januar auf rund 45%.

Findet die “Out”-Kampagne einen prominenten Anführer?

Die Vorstellung des in den Augen der meisten britischen Kommentatoren als dürftig empfundenen EU-Deal-Entwurfs durch Donald Tusk und David Cameron Anfang Februar ließ es schließlich auf rund 50% steigen, da wir auf der Grundlage dieses Entwurfs die Wahrscheinlichkeiten für den Abschluss eines Deals noch im Februar, der in Großbritannien zudem mindestens auf passive Kenntnisnahme stieße, abgesenkt hatten. Nun steht der Deal – doch seine Bewertung auf den britischen Inseln bleibt kritisch.

Für die weitere Entwicklung des Brexit-Risikos sind aus unserer Sicht nun die folgenden Dinge entscheidend:

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  1. Die Bestätigung des Deals durch das Europäische Parlament (aus unserer Sicht nahezu gewiss),
  2. Die Bewertung des Deals durch die britische Öffentlichkeit (eine aktuelle ComRes-Umfrage im Vorfeld des Brüsseler Gipfels allerdings zeigt eine starke Skepsis der Mehrheit der Befragten allgemein gegenüber dem Nutzen eines EU-Deals) sowie
  3. Die wichtige Frage, ob sich die zersplitterten “Out”-Kampagnen, also die Befürworter eines Brexits doch noch auf eine gemeinsame Kampagne unter einem Dach und einem prominenten Anführer verständigen können. Unser Brexit-Barometer bleibt auf dieser Grundlage bei 50 Prozent, allerdings mit negativem Ausblick.

Denn immerhin haben die zersplitterten “Out”-Kampagnen nun sowohl einen gemeinsamen Angriffspunkt als auch reichlich Zeit zur Einigung bis zum Referendum im Juni, die Kuh ist also noch nicht vom Eis. Und sollten die Bewertung des Deals durch die Öffentlichkeit am Ende negativ ausfallen und die Brexit-Befürworter sich unter einem Dach versammeln, dann schrillen alle Alarmglocken: Da auch die a priori-Wahrscheinlichkeiten der jeweils aktuellen Umfragen in diesem Fall in Richtung Brexit kippen werden, veranschlagen wir für diese GAU-Situation die Brexit-Wahrscheinlichkeit auf über 70 Prozent. Hoffen wir angesichts der dann mindestens kurzfristig garantierten ökonomischen Turbulenzen also alle, dass es nicht so weit kommt.

Jakob Steffen ist Gründer und Geschäftsführer der Beratungs- und Analysefirma J.S. Research. Das Brexit-Barometer der Firma wird regelmäßig aktualisiert und ist auf der Webseite von J.S. Research einsehbar.

Foto: Jeff Djevet, Lizenz: CC BY 2.0

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