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Lesenswert: “Im Zirkus” von Nils Minkmar

Foto: SPD Schleswig-Holstein, Lizenz: CC BY 2.0

Nils Minkmar, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gehört derzeit zu den politischsten Köpfen im deutschen Kulturbetrieb. Seine Texte handeln von der ausgebrannten Mittelschicht, die die Lasten von Einigung, Finanzkrise und Euro-Rettung bezahlen muss oder von der "politischen Leistungsverweigerung" der Parteien im Wahlkampf, die lieber über das Für und Wider der PKW-Maut reden wollen als über die systematische Erfassung persönlicher Daten durch ausländische Geheimdienste. Gemein ist allen diesen Texten, dass sie nicht nur beschreiben, wie sich die Gesellschaft verändert, sondern fragen, warum sie das (so) tut. Damit provoziert Minkmar zum Nachdenken und hält uns nicht zuletzt auch einen Spiegel vor.

Mit diesem Anspruch begleitete Minkmar über ein Jahr lang auch den Kanzlerkanidaten der SPD, Peer Steinbrück. Herausgekommen ist ein Buch, das sich nicht darauf beschränkt, den - ohnehin oft unkoordiniert und erratisch wirkenden - Wahlkampf der SPD zu schildern, sondern das ein Schlaglicht auf den Gemütszustand der ältesten Partei Deutschlands wirft und (durchaus selbstkritisch) beschreibt, in welchem medialen Umfeld Politik heute gemacht wird.

Der Wahlkampf, dessen Chronologie dem Buch einen roten Faden gibt, ist letzten Endes nur die Schablone für ein Sittengemälde der politischen Kommunikation zu Beginn der 2010er Jahre, die eng mit der Digitalisierung verbunden ist:

Kaum eines der wirklich brisanten Themen wurde angesprochen, stattdessen gerieten mehr oder weniger zufällig ausgewählte Fragen in den Fokus. Die Logik der digitalisierten Medien ist ganz darauf orientiert, das Gesuchte, Gewünschte und woanders schon groß Gebrachte zu zu erkennen und so zu optimieren, dass möglichst viele Nutzer möglichst lang dranbleiben.

Mit Nachsicht beurteilt Ninkmar das Auftreten von von Peer Steinbrück im Wahlkampf und kritisiert seine Kollegen, die lieber über Steinbrücks Missgeschicke als über sein politisches Programm berichten wollen. Aufgrund der Komplexität moderner Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik fiele es den Medien eben leichter, ein Urteil über  die Person und die moralische Integrität eines Spitzenpolitikers zu fällen als über seine fachliche Eignung. Und hier habe Steinbrück mit seinen Aussagen über das Kanzlergehalt, den Preis von Weinen und seine Rednerhonorare eben mehr Angriffsfläche geboten.

Dabei könne man selbstverständlich auch und von einem Politiker persönliche Integrität erwarten. Allerdings warnt Minkmar angesichts der im Wahlkampf kurz aufgeflammten Debatte über die angeblich illegale Beschäftigung einer Haushaltshilfe bei den Steinbrücks vor "einer Fülle von Hexenprozessen, in denen es um immer banalere oder intimere Themen geht".

Besonders beeindruckend ist das Kapitel, in dem sich Minkmar mit dem Wahlprogramm der SPD befasst. Darin kritisiert Minkmar den Anspruch der Sozialdemokraten, die Welt durch ihre Politik zu einer besseren Welt machen zu können:

Der umfassende Anspruch, das Leben aller Menschen auf alle Zeit zu verbessern, ist kein politisches Ziel, das mit einer Bundestagswahl zu erreichen ist. Ich halte es nicht einmal für ein politisches Anliegen, es ist ein säkulares, humanistisches Heilsversprechen, bei dem man sich eigentlich nur fragt, weshalb Berggorillas und Meeressäuger ausgenommen sind.

Durchaus mit Bewunderung schaut Minkmar in solchen Momenten in die Vereinigten Staaten, wo dem Wahlkampf ein weitaus größeres Maß an strategischer Planung zugrunde liegt. Zugleich wird aus Minkmars Beobachtung auch deutlich, dass Politik in Deutschland vor allen Dingen von Privatpersonen gemacht wird - was umgekehrt zu einer starken Abgrenzung zwischen denen führt, die als Parteifunktionäre und Mitglieder "drin" sind und denen, die "normale" Bürger sind.

Dass Minkmar in seinem Buch den Wahlkampf und das politische Establishment allgemein mit einer gewissen Distanz beobachtet - schließlich ist er als Kulturjournalist nicht Teil des "politisch-medialen Komplexes" - ist eine der Stärken des Buches. Während Wahlkampf für Politik-Geeks ein kommunikatives Hochamt ist, fremdelt Minkmar auch nach einem Jahr intensiver Beobachtung mit dem Politgeschäft, was sich schließlich auch im Titel des Buches niederschlägt. Für ihn ist Wahlkampf ein "eigener Modus", geprägt durch "große Tristesse" und "seltenen Dorfplätzen des Glücks".

Deswegen ist das Buch auch nicht einfach ein Buch für Wahlkampf-Geeks, sondern ein nachdenklicher Zwischenruf über den Zustand der Demokratie in Deutschland. Der feuilletonistische Stil mag dem ein oder anderen Leser vielleicht etwas schwerfallen, wen das allerdings nicht stört, für den ist "Im Zirkus" eine wärmstens empfohlene Lektüre für die Zeit zwischen den Jahren.

Foto: SPD Schleswig-Holstein, Lizenz: CC BY 2.0

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