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Deutschland braucht mehr Spin-Doktoren!

Während das britische Politik-Magazin Total Politics über spin-süchtige Mini-Machiavellis schreibt, wirken die Sprecher und Berater der Spitzenpolitiker in Berlin und den Landeshauptstädten eher wie nette Geschichtenerzähler als sinistre Strippenzieher.

Helmut Kohl holte 1998 noch wenige Monate vor der Wahl den ehemaligen Bild- und Bunte-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje an seine Seite um - so die Zeit damals - die SPD "mit deren Waffen schlagen zu wollen". Vier Jahre später versicherte sich Edmund Stoiber der Hilfe des BamS-Mannes Michael Spreng.

Angela Merkels Berater hingegen bleiben im Hintergrund. Ihre Büroleiterin Beate Baumann (hier im Portrait der FAZ) gehört dazu sowie Eva Christiansen, die das Referat "Medienberatung" im Bundeskanzleramt leitet und von der manche behaupten, sie kenne Merkel sogar besser als ihr Ehemann. Auch Regierungssprecher Steffen Seibert darf natürlich nicht fehlen, auch wenn nicht alle konservativen Abgeordneten der Ansicht sind, dass er seiner Aufgabe stets gerecht wird. "Durch eigene Interpretation des Politischen fällt er nicht auf, eher durch sehr viele Sprechzettel", schrieb der Tagesspiegel vor einiger Zeit.

Dabei ist genau diese "Interpretation des Politischen" die Hauptaufgabe eines guten Spin-Doktors: wo die Tagespolitik durch koalitionsinternes Taktieren und hektisches Reagieren geprägt ist, muss ein Spin-Doktor trotzdem einen Sinnzusammenhang vermitteln und Orientierung stiften. Eine "natürliche" Orientierung, die sich durch die Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Nation, Religion oder einer anderen Gruppe ergibt, kommt im 21. Jahrhundert kaum mehr vor. Umso wichtiger sind künstlich geschaffene Orientierungsrahmen wie der "Dritte Weg" oder der "mitfühlende Konservatismus". Solch ein Label würde auch die Mindestlohn-Wende der FDP oder die Steuerpläne der Grünen erklären helfen.

Das negative Image der Spin-Doktoren liegt in einem zweiten wichtigen Charakterzug ihres Berufs begründet: der Bereitschaft, für umstrittene und manchmal falsche Entscheidungen ihrer Chefs gerade zu stehen. Mehr noch: während ein Politiker stets den Eindruck persönlicher und moralischer Integrität bewahren muss, sind Spin-Doktoren gleichsam die dunkle Seite ihres Chefs (so wie Kasper Juul in der Erfolgsserie "Borgen"). Sie müssen Kabinettskollegen und Journalisten zurechtweisen und unangenehme Nachrichten überbringen, mit denen ihr Chef nicht assoziiert werden will. Kein Wunder, dass der Ruf der Spin-Doktoren darunter leidet.

Dass die Kanzlerflüsterer deswegen keine schlechten Menschen sein müssen zeigt ausgerechnet der "Urvater" aller Spin-Doktoren, der Italiener Niccolo Machiavelli. Er war mitnichten ein zynischer "Techniker der Macht", sondern ein überzeugter Republikaner, der den Klientelismus der Medici verurteilte (zugleich aber versuchte, ihre Gunst und Zuneigung zu erhalten). Statt auf Spin-Doktoren zu schimpfen, sollten wir uns deswegen mehr davon wünschen - natürlich nur die von der richtigen Art ...

P.S.: Es gibt natürlich auch viele sehr gute und professionelle Sprecher und Berater im politischen Berlin, die einen tollen Job machen. Mir geht es nicht darum, diese Menschen zu kritisieren, sondern darauf hinzuweisen, dass sie oft ein grundsätzlich anderes Rollenverständnis von sich haben als ihre angelsächsischen Kollegen - und dass man dies durchaus einmal überdenken könnte!

Foto: QSC AG, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

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