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Eine Replik zu Karen Horns Kritik am “liberalen Paternalismus”

Wie kann der Staat in einem marktwirtschaftlichen System dafür Sorge tragen, dass seine Bürger sich genügend gegen Risiken wie Krankheiten, Unfälle, Arbeitslosigkeit oder Altersarmut absichern ohne sie dazu zu zwingen?

In den USA haben die beiden Ökonomen Richard Thaler und Cass Sunstein mit dem Buch "Nudge – wie man kluge Entscheidungen anstößt" (Rezension) eine Theorie entwickelt, die darauf beruht, den Bürgern einen kleinen "Anstoß" zu geben, damit sie zum Beispiel eine ausreichende Altersversorgung abschließen. Basis dieser Theorie sind verhaltensökonomische Experimente und die Umstellung von "Standard-Optionen". So geben die meisten Menschen zum Beispiel in Umfragen zwar an, dass sie ihre Organe spenden würden, die wenigsten füllen jedoch die dafür notwendigen Formulare aus. Ökonomen wie Thaler und Sunstein argumentieren deswegen dafür, dass ein Grundsatz des Einverständnisses für Organspenden gelten sollte. In Österreich konnte durch diese einfache Umkehr der "Standard-Option" beinahe 100 Prozent der Bürger in ein Organspenderegister eingetragen werden.

Eigentlich sollte dieser "liberale Paternalismus" sich auch großer Beliebtheit bei Ökonomen erfreuen, weil er nicht mit der großen "Verbotskeule" arbeitet, aber ausgerechnet Karen Horn vom wirtschaftsliberalen Think Tank Wert der Freiheit (früher IW Köln) kritisierte den "liberalen Paternalismus" kürzlich in einem langen Aufsatz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als versteckte Form des Zwangs.

"Die Manipulation besteht darin", so Horn, "dass die kognitiven Schwächen bewusst ausgenutzt werden. Es geht nicht einmal im Ansatz darum, die Menschen - beispielsweise mit einem guten Informationsangebot - in die Lage zu versetzen, besser zu entscheiden." Das stimmt, allerdings nur bedingt. Denn die Realität zeigt, dass die meisten Verbraucher kein Zeit oder keine Lust haben, sich umfassend zu informieren, selbst wenn entsprechende Angebote existieren.

Absurd wird es dann, wenn Horn darüber wütet, welch "trauriges Menschenbild" hinter dem liberalen Paternalismus steckt und "welch respektloses, anmaßendes Taktieren" das ist. Und weiter schreibt Horn: "Wer die Konsequenzen eines unüberlegten, kurzfristigen Handelns nicht tragen darf und muss (..) der schmeckt auch nicht die Süße der Frivolität, etwas Unvernünftiges getan zu haben." Aber ist das auch ihre Antwort an einen verarmten Rentner, an jemanden, der keine Krankenversicherung abgeschlossen hat und nun vor einem Riesen-Schuldenberg steht?

Es geht hier nicht um die "Süße der Frivolität" geht, sondern um elementare individuelle und gesellschaftliche Risiken. Der Staat hat viele dieser Risiken durch staatliche Versicherungssysteme bislang gedeckt. Aber diese staatliche "Vollkasko-Versicherung" ist heute weder opportun noch finanzierbar. Sie stand zudem ebenfalls immer in der Kritik von Ökonomen wie Karen Horn. Die neuen, halbstaatlichen Modelle wie zum Beispiel die Riester-Rente kranken unter anderem daran, dass die meisten Menschen - auch gut informierte - die Rentenlücke erst dann sehen, wenn es schon zu spät ist.

Man kann gut argumentieren, dass die Ablösung des "Vollkasko-Systems" zu einem mehr an Freiheit geführt hat. Aber zu argumentieren, dass nur der völlig sich selbst überlassen der Bürger ein freier Bürger ist, heißt auch die Fürsorgepflicht des Staates zu vernachlässigen. Der "liberale Paternalismus" mag nicht in jedem Fall ein sinnvolles Instrument sein, er ist aber nicht weniger "monströs" (Horn) als einige der neoklassischen Theorien, die unser Finanzsystem an den Rande des Kollapses gebracht haben.

Dieser Blogpost ist zuerst auf thinktankdirectory.org erschienen.

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