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Die Rehabilitierung Niccolo Machiavellis

Der italienische Diplomat, Philosoph und Dichter Niccolo Machiavelli gilt als ein zynischer Techniker der Macht, für den Erfolg wichtiger als Moral ist. Aber stimmt dieses Bild wirklich? Oder bietet das Werk Machiavellis doch mehr als eine Anleitung zum Betrug? Zwei neue Bücher widmen sich dem streitbaren Politikberater und malen ein differenzierteres Bild.

In einer umfassenden Biographie beschreibt der Historiker Volker Reinhardt (Universität Freiburg) das Leben Machiavellis, der zu Beginn seiner Laufbahn als florentinischer Diplomat eine Reihe von beachtlichen Erfolgen in Verhandlungen mit italienischen Herrschern und dem französischen König erzielen konnte. Diese Erfahrung prägt sein Bild von Staat und Gesellschaft, aber seine Karriere findet ein jähes Ende, als die Medici 1512 wieder die Herren von Florenz werden. Machiavelli verliert Amt und Würde und verbringt sogar einige Zeit im Kerker, weil ihm die Teilnahme ab einer Verschwörung gegen die Medici vorgeworfen wird.

Ihm bleibt nach seiner Freilassung nur der Rückzug aufs Land, wo wir Machiavelli als Poeten, Dichter und Philosophen kennenlernen. Dein bekanntestes Werk "Il Principe" entsteht in dieser Zeit als Versuch, sich den neuen Herren in Florenz und dem Papst, der ebenfalls ein Medici ist, als Berater anzudienen. Diese Bemühungen sind jedoch nicht von Erfolg gekrönt, denn Machiavellis Thesen sind aus der Sicht der Medici überaus revolutionär und deswegen gefährlich.

In Reinhardts Beschreibung erscheint Machivalleli nicht als Propagandist der absoluten Monarchie, sondern als überzeugter Republikaner, dessen großes Vorbild Rom auch Leitbild für den Stadtstaat Florenz sein sollte. Anstelle des Klientelismus setzt sich Machiavelli leidenschaftlich für eine Herrschaft der Bürger ein und für eine Umverteilung der Macht- und Besitzverhältnisse, die Zeitgenossen in der Tat revolutionär erscheinen musste und die später in den philosophischen Schriften zur Französischen Revolution wieder aufgegriffen wurden.

Andererseits ist die Republik in den Augen Machiavellis immer auch expansiv und Krieg ein legitimes Mittel der Politik. Das brachte den preußischen Kronprinzen Friedrich (den späteren Friedrich der Große) 1740 dazu, die angebliche Kriegstreiberei Machiavellis zu geißeln. Ein guter Monarch solle statt dessen Leib und Leben seiner Untertanen schützen, schrieb er in seinem Buch "Anti-Machiavel". Das hinderte Friedrich jedoch nicht daran, nach seiner Inthronisierung einen blutigen Angriffskrieg zu führen, der 1 Millionen Menschen das Leben kostete.

Machiavelli selber hätte diese propagandistische Meisterleistung Friedrichs vermutlich bewundert und als nachahmenswertes Beispiel in seinem eigenen Buch "Il Principe" verewigt. Dennoch: die Glorifizierung des Krieges als Mittel der Politik bleibt ein sichtbarer Schatten auf dem intellektuellen Nachlass Machiavellis.

Der Brite Jonathan Powell befasst sich in seinem Buch "The New Machiavelli" vor allen Dingen mit der Frage, welche Lehren politischen Berater noch heute aus den Werken Machiavellis ziehen können. Unter Tony Blair arbeitete Powell als politischer Berater des Premierministers in 10, Downing Street, dem Amtssitz des britischen Premiers - Powell erlebte den von manchen als "Machiavellis besten Schüler" bezeichneten Blair und seinen Sprecher Alastair Campbell also aus nächster Nähe.

Ohne Zweifel teilt Powell den Realismus Machiavellis, der auf einem Menschenbild beruht, wonach der Mensch vor allen Dingen auf die Maximierung seines eigenen Nutzens aus ist. So schreibt Machiavelli:

"Since anyone who would act up to a perfect standard of goodness in everything, must be ruined among so many who are not good. It is essential, therefore, for a Prince who desires to maintain his position, to have learned how to be other than good, and to use or not use his goodness as necessity requires."

Aber wie der Untertitel "How to wield power in a modern world" schon andeutet:: "The New Machiavelli" ist vor allen Dingen ein zeithistorisches Buch, das viel über die Zeit während der Regierung Blair verrät. Damit ist das Buch nicht allein - eine ganze Reihe von Memoiren über die Blair-Jahre sind bereits erschienen - aber durch die Verknüpfung mit den Lehrbüchern von Machiavelli wird der Leser immer wieder auf die zentrale Frage zurückgeführt, wie Politiker heute Mehrheiten gewinnen - und behalten - können.

Für Politikberater ist das Buch deswegen eine Quelle von Anekdoten und Tipps. So rät Powell, Umfragen nicht zu überschätzen, da sie "ein Schnappschuss der Vergangenheit und kein Ausblick auf die Zukunft" seien. Oder er beschreibt, wie Blair durch die Bildung einer eigenen Strategie-Einheit versuchte, das Silo-Denken der einzelnen Ministerien zu überwinden - ein Problem, was man vortrefflich auch in der Berliner Politik beobachten kann.

Machiavellis Menschenbild und sein Konzept eines Staates haben auch heute noch dem Mangel des Unmoralischen: es kann nicht sein was nicht sein darf. Dennoch lässt sich nicht verleugnen, dass das Menschenbild Machiavellis die Realität besser beschreibt als das idealistische Bild des griechischen Staatsbürgers. Dies zeigt sich bei Menschen, die als Trittbrettfahrer Sozialleistungen beziehen, die Ihnen nicht zustehen, und bei Politikern, die einen Krieg planen um ihre Wiederwahl zu sichern.

Es gehört aber auch zu Machiavelli, den Glauben an ein besseres politisches System als unseres zu bewahren und Schritt für Schritt daran zu arbeiten, dieses Ziel zu erreichen. Und deswegen ist Machiavelli auch heute noch ein guter Ratgeber für jeden Machthaber.

Abbildung: Wikipedia

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