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Euro-Krise: die richtigen Lehren aus der Geschichte

Wer versteht schon noch, was in der Euro-Zone wirklich passiert? Und weil die Gegenwart so schwer zu verstehen und die Zukunft so schwer vorherzusagen ist, greifen Kommentatoren und Ökonomen zur historischen Analogien, um dem Euro-Drama einen Sinn zu geben.

Thilo Sarrazin wurde in Deutschland heftig kritisiert, weil er die Forderung nach deutschem Geld mit dem Hinweis auf die deutsche Schuld für "unverschämt" hält. Aber wer (wie ich) diese Aussage für falsch hielt, musste sich spätestens nach dem Aufsatz von Nouriel "Dr. Doom" Roubini und Niall Ferguson in der Financial Times eines Besseren belehren lassen.

We fear that the German government’s policy of doing 'too little too late' risks a repeat of precisely the crisis of the mid-20th century that European integration was designed to avoid

schreiben die beiden Autoren mit Bezug auf die Machtergreifung 1933 in ihrem Text. Das klingt, als würde Merkel den Dritten Weltkrieg herbeiführen, wenn sie nicht umgehend die europäischen Schuldenstaaten mit den Einlagen deutscher Sparer stützen würde. Roubini und Ferguson argumentieren damit nicht primär ökonomisch, sondern appellieren an die moralische Verantwortung der Deutschen.

Auch der Economist schreibt, Merkel ziehe die falschen Lehren aus der deutschen Geschichte. In ihrer Furcht vor Inflation übersehe sie die viel größere Gefahr einer ausgewachsener Depression. Und in der Tat: Merkel ist es bislang nicht gelungen, der Wahrnehmung eines "deutschen Diktats" eine positive Vision über die Zukunft Europas an die Seite zu stellen. Bislang beschränkte sie sich darauf, zu betonen, dass Europa scheitert, wenn der Euro scheitert. Das könnte nun schneller eintreten als ihr lieb ist.

Aber gibt es wirklich keine Lehren, die wir aus der Geschichte ziehen können? Doch, die gibt es. Aber sie liegen nicht im Versagen der Politik 1933, sondern in der Vision der US-amerikanischen Europapolitik nach 1945. Die Vereinigten Staaten wollten damals den Welthandel wieder in Schwung bringen und insbesondere den Warenaustausch innerhalb Europas ankurbeln. Dazu ersannen sie ein System, dass den Ländern höhere Dollarhilfen zugestand, die damit Waren bei ihren Nachbarn kauften, und zwar auf Kosten der exportierenden Länder.

Der sogenannte "kleine Marshallplan" ist aus zwei Gründen bemerkenswert: die USA haben damit gezielt den europäischen Warenaustausch gefördert, anstatt nur auf ihren eigenen Export zu schielen. Die kurzfristige Förderung Europas ist langfristig im besten amerikanischen Interesse, so die Argumentation.

Und zweitens mussten selbst die Deutschen, die im Rahmen des Plans weniger direkte Dollarhilfen als zuvor bekamen, zugeben, dass der sanfte Druck der USA, die europäischen Austauschbeziehungen zu intensivieren, sich als "ungeheuer großer Schritt vorwärts zu einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft" bemerkbar machte (zitiert nach Werner Abelshauser).

Wer aus der Geschichte lernen will, sollte nicht an 1933 denken oder an die Bankenkrise 1923, sondern an die schwierige Zeit der Entstehung der Europäischen Union nach dem Zweiten Weltkrieg, als die europäischen Staaten lernten, dass nur der unmittelbare Verzicht auf Souveranität dazu führt, die langfristige Handlungsfähigkeit ihrer Nationen zu erhalten.

Der britische Historiker Timothy Garton Ash hat dies im Handelsblatt zusammengefasst:

Wir leben bald in einer Welt von Riesen. Alten und neuen. Amerika, Russland, China, Indien. Nicht heute, aber in zehn Jahren wird selbst Deutschland in der Welt nur noch ein Zwerg sein. Ich möchte in dieser Welt lieber ein Riese sein. Das können wir nur, wenn wir zusammenbleiben.

Darum geht es heute, in Griechenland und in Europa.

Abbildung: Ash Violette, Lizenz: CC BY 2.0

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