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Banken und Co: systemrelevant oder gesellschaftlich relevant?

"Ihr spekuliert mit unserem Leben!", empörten sich gestern Demonstranten auf der ganzen Welt, die einem Aufruf der amerikanischen Protestbewegung "Occupy Wall Street" gefolgt sind. Seit Wochen demonstrieren Menschen in New York und anderen Städten der USA gegen die vermeintliche Macht der Banken. Es sind vor allem linke Globalisierungskritiker wie ATTAC, die auf die Straße gehen, aber die Wut gegen das Finanzsystem geht bis weit in die Mittelschicht. Sogar Unternehmer wie Bosch-Chef Franz Fehrenbach "dreht sich der Magen um" angesichts der Wetten gegen Europa.

Weil die großen Banken als "systemrelevant" gelten können die Finanzinstitute die Politik vor sich hertreiben, sagen die Demonstranten. So musste beispielsweise die Europäische Zentralbank einspringen und versprechen, griechische Staatsanleihen auch weiterhin als Pfand zu akzeptieren, obwohl Rating-Agenturen diese bereits als Teilausfall führen.

Natürlich sind nicht alle Händler rücksichtslose Spekulanten: ihre Kunden vertrauen ihnen Geld an in der Hoffnung, dieses zu vermehren um damit zum Beispiel ihre Rente zu finanzieren. In der öffentlichen Debatte sind in der Zwischenzeit jedoch fast alle Banken in den Ruf geraten, ihr Geschäftsmodell auf Kosten der Allgemeinheit auszubauen.

Passend dazu ist vor wenigen Tagen eine Studie erschienen, die belegt, dass politisch gut vernetzte Firmen ihre Konkurrenten regelmäßig überflügeln (Banken sind in der Studie allerdings nicht berücksichtigt worden). Das überrascht auch den ansonsten erzliberalen britischen Economist:

Much as some businesses whine about government intrusion, others do pretty well out of it. An index based on the amount of lobbying that American firms do has outperformed the broader market since its creation in 2008; data going back to 1998 show that it has done better over the longer term, too.

Trotzdem regt sich auch im Parlament der Widerstand gegen immer weitere Rettungsschirme. Setzen sich die Anti-Banken-Proteste weiter fort, dürfte die Bereitschaft der Politiker, die Argumente der Banken zu hören, sogar noch weiter sinken. Die Atomwirtschaft hat gerade schmerzlich erfahren müssen, welche Folgen es haben kann, wenn man seine Lobby-Arbeit auf die politischen Eliten beschränkt und die Bevölkerung nicht mitnimmt. In nur wenigen Wochen wurde die Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke rückgängig gemacht weil die Regierungsparteien nach Fukushima Angst vor einer Abstrafung durch den Wähler hatten.

Weltweit sehen sich die Bürger zunehmend als Subjekt der Politik, nicht mehr als Souverän. Andauernde und zum Teil gewalttätige Proteste gab es zuletzt in Athen, London, Tel Aviv und Rom. 5.000 Demonstranten in Frankfurt mögen nicht viel sein im Vergleich zu den 60.000 Teilnehmern bei den Protesten gegen Stuttgart 21 - aber es ist mehr als ich erwartet hätte.

Drastischer formuliert das Mark Bennioff, CEO von Salesforce.com:

The elites - or managers in companies - no longer control the conversation. This is how insurrections start (...) This isn't just about Arab Spring. This is about Corporate Spring.

"Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst": dieser Satz aus der Antrittsrede John F. Kennedeys muss deswegen auch auf Unternehmenslobbying angewandt werden: in seinem Buch "Wie man die Welt regiert. Eine neue Diplomatie in Zeiten der Verunsicherung" beschreibt der amerikanische Autor Parag Khanna, wie Unternehmen zur Entwicklung anderer Länder beitragen, indem sie Schulen und Kliniken im Ausland errichten oder Stiftungen gründen.

Unternehmen können sich auch auf ihren Heimatmärkten engagieren: in den Vereinigten Staaten ruft Starbucks seine Kunden auf, 5 Dollar oder mehr für ein Programm zur Arbeitsplatzbeschaffung zu spenden. Das Unternehmen selbst steuert die Infrastruktur bei und übernimmt die Verwaltungskosten. "This is about using Starbuck’s scale for good," meint Starbucks-CEO Howard Schultz.

Unternehmen - egal ob sie aus dem Finanzsektor oder einer anderen Branche stammen - werden sich in Zukunft nicht alleine darauf verlassen können, dass sie "too big to fail" oder "systemrelevant" sind. Sie werden auch zeigen müssen, dass sie gesellschaftliche relevant sind.

Foto: Paul Stein, Lizenz: CC BY-SA 2.0

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