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Parag Khanna: “Wie man die Welt regiert”

Viele Wissenschaftler sind seit den 1990er Jahren davon überzeugt, dass die fortschreitende Globalisierung zu einer Erosion des Nationalstaates fährt: wo Handelsströme frei fließen und Menschen frei reisen können, scheinen Grenzen ein Relikt aus einer anderen Zeit zu sein. Aber natürlich sind Staaten nicht einfach so verschwunden: In vielen Gegenden der Zweiten und der Dritten Welt haben failing states zu einem gefährlichen Machtvakuum geführt, das zu organisierter Kriminalität, Piraterie und Terrorismus führt. Gleichzeitig haben Stiftungen wie das Open Society Institute, Religionsgruppen und Diaspora-Gemeinden die Lücken gefüllt, die der Nationalstaat nicht ausfüllen kann oder will und so einen politischen und gesellschaftlichen Zusammenbruch verhindert.

Nicht nur Entwicklungsländer sind sich der Grenzen staatlicher Macht bewusst; auch die Vereinigten Staaten und andere westliche Länder haben unter Haushaltskürzungen zu leiden - innen- und außenpolitisch. Der auswärtige Dienst der Vereinigten Staaten umfasst ungefähr 5.000 Angestellte - das sind weniger als die Besatzung eines einzigen Flugzeugträgers! Was kann Diplomatie unter diesen Bedingungen überhaupt leisten? Und was sollte sie leisten?

[aartikel]3827008980:right[/aartikel] Parag Khanna, der als Direktor der Global Governance Initiative an der renommierten New America Foundation arbeitet, vergleicht die Rolle des Staates im 21. Jahrhundert mit der Situation im Mittelalter: "Aufsteigende Mächte, multinationale Konzerne, mächtige Familien, Philantropen, religiöse Fundamentalisten, Universitäten und Söldner sind allesamt Teil der diplomatischen Landschaft", schreibt er in seinem neuen Buch "Wie man die Welt regiert" (Berlin Verlag 2011). Aber auch wenn der Staat längst nicht mehr der allmächtige "Leviathan" ist, kann eine Regierung dennoch eine effiziente Außenpolitik betreiben. Der Schlüssel dazu ist "Mega-Diplomatie".

Als "Mega-Diplomatie" beschreibt Khanna das smarte Zusammenwirken von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, wie es heute schon teilweise von der Obama-Administration praktiziert wird. Im April 2009 etwa besuchte erstmals eine Gruppe von amerikanischen CEOs von Internetfirmen wie YouTube, Google oder AT&T den Irak als Teil einer Delegation des US-Außenministeriums. Ziel des Besuchs war es dem Ministerium zufolge, "Ideen zu entwickeln, wie neue Technologien dazu beitragen können, Kapaziäten auf lokaler Ebene aufzubauen, Transparenz und Verantwortlichkeit zu stärken, Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung zu verbessern, kritisches Denken unter Schülern zu befördern, die Zivilgesellschaft zu särken und lokale Behörden und Individuen mit den richtigen Werkzeugen zum Aufbau von Netzwerken zu versorgen."

Für Khanna ist das die Zukunft der Diplomatie, denn weder Regierungen, noch Unternehmen und NGOs haben ausreichende Kapazitäten, um die wichtigsten Probleme der Welt alleine zu lösen. Statt dessen sollten sich in Zukunft vermehrt "Koalitionen williger Akteure" zusammentun, um gemeinsam ein Problem zu lösen. Warum sollte nicht zum Beispiel ein ausländisches Bergbauunternehmen staatliche Aufgaben in einer Region wahrnehmen, die schlecht oder gar nicht regiert wird, wenn das Unternehmen diese Ressourcen problemlos erbringen kann?

Insbesondere Unternehmen und die großen Unternehmensstiftungen wie die Gates Foundation, die weltweit Gesundheitsprojekte durchführt, nehmen eine wichtige Rolle in Khannas Buch ein. Aber auch Hollywoodstars und Diaspora-Gemeinden seien heutzutage Teil der Diplomatie. "Kein anderes Land", schreibt er, "besitzt außerhalb der Regierung ein so großes Reservoir an Ressourcen, die es zum Wohle der Welt nutzen könnte." Wer so hohe Summen an Projektgeldern wie die Gates Foundation verwaltet, bekommt natürlich leicht Zugang zu ausländischen Ministern und wird so zu einem "privaten Diplomaten" für eine internationale Gesundheitspolitik. "Dies ist der Zeitpunkt für amerikanische Unternehmen - nicht das US-Militär -, die Speerspitze zu bilden", findet Khanna.

Einem Politikwissenschaftler oder einem Staatsrechtler sträuben sich bei dieser Lektüre möglicherweise die Haare: mit welcher Legitimation dürfen Unternehmen ihre eigene Außenpolitik machen? Khanna beantwortet diese Frage äußerst pragmatisch und beruft sich dabei auf Aristoteles, der zwar eine Regierung für das Volk, nicht aber notwendigerweise durch das Volk wollte. "In ähnlicher Weise ist es heute weit weniger wichtig, wer eine Intervention durchführt, als dass sie positive Ergebnisse zeitigt", schreibt Khanna. "Die Diplomatie des aktiven Tuns - 'Diplomatie der Tat' - ist die neue Währung der Legitimität."

Und so redet Khanna auch nicht einer Koalition aus Regierung und "big business" das Wort: ihm geht es um lokale Gemeinschaften, die in Räumen fragiler Staatlichkeit besser durch lokales Engagement von NGOs oder Unternehmen gefördert werden können als durch traditionelle "diplomatische" Kanäle. Ganz ohne Risiken ist "Mega-Diplomatie" natürlich nicht: wie stark können US-Unternehmen etwa mit dem State Department kooperieren ohne als "Instrumente amerikanischer Außenpolitik" gesehen zu werden? Bei chinesischen oder russischen Staatsunternehmen wird oft unterstellt, diese würden aus dem Kreml oder dem chinesischen Politbüro kommen - einen Ähnlichen Ruf könnten bald auch Unternehmen wie Facebook oder Twitter bei den autokratischen Regimen der Welt haben.

Aber es ist genau diese Unkonventionalität, die "Wie man die Welt regiert" so lesenswert macht und die auch Khannas Erstlingswerk "Der Kampf um die Zweite Welt" auszeichnete. Klimakonferenzen, internationale Arbeitsstandards und Friedensabkommen reichen nur so weit wie der Arm des Staates - und das ist eben nicht immer weit genug. "Wie man die Welt regiert" ist deswegen auch ein Aufruf, die Diplomatie nicht alleine den Diplomaten zu überlassen, sondern selbst einen Beitrag zur Entwicklung der Welt zu leisten.

Aus der Verantwortung lassen will Khanna den Staat dennoch nicht. Wo sich der Staat mit anderen Akteuren zusammentut, kann er jedoch viel mehr leisten als auf sich allein gestellt. Bei Khanna geht es also weniger um die Erosion des Staates als vielmehr um seinen kreativen Ausbau - ein anregender Ansatz in einer Flut von staatspessimistischen Büchern.

Diese Rezension  ist zuerst auf thinktankdirectory.org erschienen.

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