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Gehört Deutschland noch zum Westen?

Erst seit zwanzig Jahren, seit dem Fall der Berliner Mauer, ist Deutschland ein "normales" Land. Davor - im "langen 19. Jahrhundert" und im "kurzen 20. Jahrhundert" - wich Deutschland immer von der demokratischen Norm des Westens ab - erst als konstitutionelle Monarchie, dann als faschistisches Regime.

Den "langen Weg nach Westen" hat der Historiker Heinrich August Winkler in seinen gleichnamigen Büchern ausführlich beschrieben und kürzlich auch in einem Vortrag an der London School of Economics noch einmal skizziert. Ein Zuhörer stellte im Anschluss an den Vortrag die interessante Frage, ob Deutschland sich in jüngster Geschichte nicht wieder erneut vom Westen abgewandt habe:

Some voices in Germany over the past ten years have again begun to question the "Westbindung", in particular Gerhard Schröder who used phrases like "deutscher Weg" ...

Für Winkler ist Schröder jedoch kein "Verräter" westlicher Werte, schließlich habe auch der französische Präsident Jacques Chirac etwa den Irak-Krieg abgelehnt. Im Gegenteil: durch die Kritik am Vorgehen der Bush-Regierung habe er westliche Werte sogar verteidigt. Dennoch: die Frage zeigt, dass offensichtliche viele immer noch unsicher darüber sind, wie Deutschland seine Rolle in der Welt sieht. Deutschland hat zwar seit kurzem wieder einen Sitz im UN-Sicherheitsrat, ansonsten bleibt seine Außenpolitik jedoch seltsam unauffällig - vielleicht sogar gewollt.

Für Beobachter mag das schwer berechenbar sein. Dahinter steckt aber eine politische Entscheidung, wie Außenminister Guido Westerwelle kürzlich auf einer Grundsatzrede bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik betonte:

die Zusammenarbeit mit Partnern wie der Türkei, Indonesien, Vietnam, Kasachstan oder Saudi-Arabien sind Teil einer Strategie. Aufstrebende Staaten binden wir stärker ein. Teilhabe und Verantwortung, beides gehört zusammen, um beides geht es in der Globalisierung.

Deutschland als ehrlicher Makler bei der Schaffung einer neuen Weltordnung, beim "Kampf um die Zweite Welt" (Parag Khanna) - was Westerwelle da in einem Absatz abhandelt, ist in Wahrheit eine gewaltige Aufgabe. Es ist aber auch eine wichtige Rolle, die Deutschland als Regionalmacht ohne hegemoniale Ansprüche besonders gut ausfüllen könnte.

Foto: openDemocracy, Romani Prodi, Wladimir Putin und Angela Merkel auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm, Lizenz: CC BY-SA 2.0

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