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Chinas Aufstieg und der “Silicon-Valley-Faktor”

Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die ökonomischen und politischen Machtgleichgewichte in der Welt grundlegend geändert, so die Überzeugung vieler Analysten. Bundeskanzlerin Angela Merkel betont seit jeher, Deutschland wolle "gestärkt aus dieser Krise hervorgehen", aber viele Geopolitiker schenken der Kanzlerin keinen Glauben. Nicht nur Deutschland, sondern "der Westen" insgesamt werde durch die Krise geschwächt.

In seinem Buch "Entmachtung des Westens" beschreibt FAZ-Korrespondent Nikolas Busse die "neue Ordnung" der Welt, und in den Augen des bekannten amerikanischen Journalisten Fareed Zakaria stehen wir vor dem Beginn des "post-amerikanischen Zeitalters", das durch den Aufstieg der Rest-Welt ("the rise of the rest") geprägt ist.

Mit dem "Rest" ist vor allem ein Land gemeint: die Volksrepublik China. Vor mehr als 50 Jahren hat Mao Zedong das Land mit dem "Großen Sprung nach vorn" in eine der größten von Menschen gemachten Katastrophen geführt, aber heute ist das Land stärker als je zuvor. Und es ist ein Symbol für die Angst des Westens, dass undemokratische Staaten - gestärkt durch die globale Krise - bald die Kontrolle über die wichtigsten Unternehmen und Institutionen der Welt übernehmen könnten. Eine ironische Wende, genau zwanzig Jahre nach dem "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama) und dem Berliner Mauerfall.

Die USA befinden sich in der Hand ihres größten Gläubigers, übermäßige Kritik am Reich der Mitte ist da nicht zu erwarten. Außenministerin Hillary Clinton hat im Februar bereits angekündigt, dass die USA nun eine "neue Ära" in den amerikanisch-chinesischen Beziehungen einleiten wollen, und dass Menschenrechtsthemen die Diskussion über die Wirtschaftskrise und Sicherheitsfragen "nicht beeinträchtigen" sollen.

Auch andere Staaten wie zum Beispiel Russland werden sich dem neuen Machtgleichgewicht anpassen und sich stärker nach Fernost ausrichten, glaubt Alexander Rahr, Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik: "In der neu entstehenden Konstellation der Weltwirtschaft werden die staatskapitalistischen Länder Asiens die Krise nutzen, um die Europäische Union einzuholen. Die Staaten der EU werden mit der Rettung ihrer Sozialsysteme und möglicher Failing States an der eigenen Peripherie zu sehr beschäftigt sein. Die EU wird der treueste Verbündete der USA bleiben, das vom Westen verschmähte Russland sich dagegen Asien zuwenden."

Wer will, kann die These vom Aufstieg Chinas auf den Titelseiten fast aller Nachrichtenmagazine und Zeitungen nachlesen. Aber die atemberaubenden Wachstumszahlen der Volksrepublik geben nur einen Teil der Realität wieder. Die globale Führungsrolle einer Nation ergibt sich nicht nicht allein aus ihrer wirtschaftlichen oder militärischen Potenz, sondern auch aus ihrer normativen Stärke.

Und hier zeigt sich Chinas Schwäche. Welche gesellschaftlichen Zukunftsmodelle können Autokratien bieten? Historisch betrachtet haben Autokratien eine relativ kurze Lebensdauer. Sie scheitern aus mangelnder innenpolitischer Anpassungsfähigkeit oder durch außenpolitische Überdehnung. Die "checks and balances" demokratischer Systeme hingegen sorgen für sozialen Frieden und ermöglichen die Überwindung von Krisen.

Szenarien über das "Ende des Westens" haben oft einen weiteren, elementaren Fehler: sie sehen den "Westen" als eine statische Größe und die aufstrebenden Mächte als dynamische Akteure, die die in ihrer Entwicklung nicht von Parlamenten und Bürgergruppen "gebremst" werden, sondern politische Vorhaben ohne Rücksicht auf Proteste durchsetzen können - Basta-Politik der rücksichtslosen Art also.

Diese Sichtweise ignoriert einen wesentlichen Faktor, den man den "Silicon-Valley-Faktor" nennen könnte - wirtschaftliche und technische Innovationen, die in dieser Form nur in freien Staaten entstehen können. Die Suchmaschine Google ist zwar erst vor etwas über zehn Jahren gegründet worden, gehört aber heute bereits zur Liste der 50 wertvollsten Firmen der Welt. Ähnliches gilt für Firmen wie Amazon, Ebay, Apple und andere. Diese Unternehmen sind keine klassischen Industrie- oder Dienstleistungsunternehmen. Sie sind die Speerspitze einer neuen Form des Kapitalismus.

Dieser neue Kapitalismus basiert auf dem freien Zugang zum Netz und verbindet Märkte auf der ganzen Welt mit einem Mausklick. Die Netzökonomie senkt die Markteintrittskosten für Unternehmer - ein Internetshop benötigt nur geringe Investitionen. Die Folge: wir Konsumenten haben eine immer größere Auswahl der unterschiedlichsten Produkte zu günstigen Preisen. Aber ohne eine liberale marktwirtschaftliche Ordnung wäre ein auf "trial-and-error" basierendes System wie das Internet gar nicht erst entstanden.

Schon einmal verpasste Asien eine Schlüsselentwicklung, die dem Westen bis heute eine Technologieführerschaft verschafft: die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Der Buchdruck war der Beginn des "European Miracle" (Eric Jones) und des sprunghaften wirtschaftlichen Aufschwung Europas seit dem 16. Jahrhundert. Vier Jahrhunderte später beherrschten Europäer beinahe die gesamte Welt.

Damit der Westen seinen Vorsprung erhalten kann, muss er nicht weniger frei werden, sondern noch freier. Die Politik muss sich von überkommenen Ritualen befreien und sich wieder stärker für die Bürger öffnen, nicht nur für Parteimitglieder. Vor allem darf sie Bürger nicht als Feind sehen. Die "Politik der Angst", die manche Staaten nach dem 11. September kultiviert haben, lähmt aber nicht nur die Zivilgesellschaft, sondern auch die Wirtschaft. "Soziale Unfreiheit" und die fehlende Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs durch Bildung sind verpasste Gelegenheiten für wirtschaftlichen Fortschritt. Und schließlich müssen wir mehr tun, um Innovationen in Deutschland zu ermöglichen, sowohl an den Universitäten als auch in Unternehmen.

Das klingt nicht nach großer Geopolitik, aber genau das sind die Herausforderungen, vor denen der Westen heute steht. Sie liegen nicht (nur) in China oder Indien, sondern in einer Grundschule in der französischen Provinz, einer Bürgerinitiative in London oder in einem Labor an der Charité. Wenn es uns gelingt, dieses Potential in unserem Land auszuschöpfen, werden wir tatsächlich gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Foto: Micky Aldridge, Green Ideas, Lizenz: CC BY 2.0

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