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N. Christakis und J. Fowler: “Connected”

Oft steht die Politik vor dem Problem, durch Regulierungen das Handeln von Millionen von einzelnen Bürgern beeinflussen zu wollen. Zum Beispiel beim Rauchen: Rauchen ist nicht nur für Raucher schädlich, sondern verursacht auch gesamtgesellschaftliche Kosten, etwa durch höhere Gesundheitsausgaben. Durch Warnhinweise, Werbe- und Rauchverbote versucht die Politik deswegen, das Rauchen einzuschränken.

Der Mediziner Nicholas Christakis und der Politikwissenschaftler James Fowler glauben jedoch, dass mit dem Rauchen aufhören keine individuelle, sondern eine kollektive Entscheidung ist. Die beiden Autoren des Buches "Connected. Die Macht sozialer Netzwerke und warum Glück ansteckend ist" haben herausgefunden, dass sich die Angewohnheit zu Rauchen - oder eben nicht zu Rauchen - durch soziale Netzwerke verbreitet. Kampagnen gegen das Rauchen sollten sich diese Eigenschaft daher zu Nutzen machen.

Nicht nur Rauchen hat eine soziale, "überpersönliche", Komponente: auch das Ernährungsverhalten, politische Einstellungen und sogar Glück werden durch unser Netzwerk geprägt. In einer Reihe von Studien und Experimenten haben Christiakis und Fowler diese Zusammenänge untersucht und dabei die Struktur sozialer Netzwerke herausgearbeitet. So haben die beiden herausgefunden, dass der Einfluss des Einzelnen in einem sozialen Netzwerk drei Schritte reicht - durch mein Verhalten kann ich also meinen Freund, den Freund meines Freundes und dessen Freund beeinflussen.

Für Christiakis und Fowler ist die Frage der "positionellen Ungleichheit" in einer Gesellschaft mindestens genau so wichtig wie die ökonomische Ungleichheit: "Wenn wir glüklicher, reicher oder gesünder sind als andere, dann hat das möglicherweise eine Menge mit unserer Position innerhalb unseres Netzwerkes zu tun, auch wenn wir selbst gar nicht in der Lage sind, diese wahrzunehmen." Die Politik schenke der "positionellen Ungleichheit" bislang jedoch kaum Aufmerksamkeit, obwohl ein besseres Verständnis für die Vernetztheit von Menschen auch ein wichtiger Schritt zur Schaffung einer gerechten Gesellschaft sein kann.

In der Gesundheitspolitik zum Beispiel kann soziale Netzwerkanalyse dabei helfen, Rauchen oder Ãœbergewicht zu bekämpfen, indem man gezielt "Multiplikatoren" anspricht, die mit ihrem Verhalten andere beeinflussen, egal, ob die Multiplikatoren selbst Rauchen oder übergewichtig sind: "Eine effektive Gesundheitspolitik fragt also nicht nur nach der sozialen Benachteiligung und dem Wohnort eines Menschen, sondern auch nach seinen sozialen Kontakten und Netzwerken." Für die Politik - und auch die Politikberatung - könnte soziale Netzwerktheorie deswegen einen wichtigen Impuls liefern, zumal wir durch neue Technologien erstmals auch über geeignete Instrumente verfügen, auch größere Netzwerke ohne viel Aufwand zu analysieren.

Wie soziale Netzwerke aktiviert und mobilisiert werden können, zeigte zum Beispiel Barack Obama in seinem Wahlkampf, in dem er nicht nur eine Beziehung zu seinen Wählern aufbaute, sondern vor allen Dingen Beziehungen zwischen seinen Wählern. Die dezentrale Struktur seiner Kampagne wirkte multiplizierend und mobilisierte auch Wähler, die Obamas Team nicht einmal direkt erreichen konnte. Der Einfluss sozialer Netze auf Wahlentscheidungen wurde bereits 2006 nachgewiesen, als der Politikwissenschaftler David Nickerson zeigte, dass durch Hausbesuche vor einer Wahl nicht nur die Wahlbeteiligung unter den besuchten Haushalten stieg, sondern auch untern den benachbarten Haushalten, die die Tür nicht geöffnet hatten.

Ohne sein Netzwerk, so Christiakis und Fowler, ist der Mensch nicht zu verstehen. Unser Menschenbild sei jedoch immer noch zu starkt auf das Individuum konzenriert. "Connected" ist deswegen auch ein Plädoyer für ein neues Menschenbild, den homo dictyous oder Netzwerkmenschen. Soziale Interaktionen, so zeigen die Autoren mit medizinischen Studien, seien nicht nur soziale Phänomene, sondern Teil unserer DNA.

In der Einbeziehung vieler unterschiedlicher akadmischer Disziplinen wie der Soziologie, der Ökonomie und der Medizin liegt ein besonderer Reiz des Buches, das damit einen neuen und innovativen Blick auf die sozialen Probleme unserer Zeit wirft. Christiakis und Fowler gelingt es in ihrem Buch dadurch auf unterhaltsame und leicht verständliche Art und Weise, die Grundzüge der Netzwerktheorie zu vermitteln und zeigen eindrucksvoll, wie unser soziales Umfeld jeden von uns prägt.

Diese Rezension ist zuerst auf thinktankdirectory.org erschienen.

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