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Gorbatschow, Putin und die Perestroika

"Der Untergang der UdSSR war die größte geopolitische Katastrophe des 21. Jahrhunderts" - dieses Zitat von Wladimir Putin fehlt in keinem Portrait oder größerem Artikel über den ehemaligen russischen Präsidenten und heutigen Premierminister. Oft dient das Zitat als Beleg, dass Putin immer noch im Denken des sowjetischen Geheimdienstes KGB verhaftet sei, dass er der Sowjetunion nachtrauere und eine neo-imperialistische Politik Russlands in den Nachfolgestaaten der UdSSR verfolge.

Andere - zu denen ich mich auch zähle - glauben, dass das bekannte Putin-Zitat weniger ideologisch, sondern pragmatisch gemeint war. Das Erbe der Sowjetunion wirft schließlich auch heute noch einen Schatten auf das moderne Russland. Diese Interpretation bekam kürzlich Rückenwind durch ein bemerkenswertes Interview, das Michail Gorbatschow mit dem britischen Independent führte. Darin äußert sich Gorbatschow selbstkritisch über das Ende der Sowjetunion:

But for the collapse of the Soviet Union, he also blames himself. In the end, he says, "we" – and I think he means his small band of Kremlin reformers here – "should have prevented it". He goes on: "Mostly, though, I reproach myself, even today." "We called free elections, carried out political reforms, tried to build a modern Parliament... and the reality was that the Communist nomenklatura could not withstand the test of democracy and freedom."

Sicherlich, man kann darüber streiten, ob der Untergang der Sowjetunion tatsächlich die "größte" Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen ist - größer noch als die beiden Weltkriege, die Explosion der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki oder die größte von Menschen provozierte Hungersnot der Geschichte. Dennoch: das plötzliche Ende der UdSSR war ein ungeheurer Einschnitt in der Geschichte Russlands. Eine graduelle Transformation der UdSSR, so Gorbatschow, hätte 20 oder 30 Jahre gedauert - Zeit, die er nicht hatte. Mit den Folgen der von Boris Jelzin eingeleiteten "Schocktherapie" (Gorbatschow) muss die russische Führung noch heute leben.

Disclaimer: die russische Präsidialverwaltung ist einer meiner Mandanten bei dimap communications. Dieser Post spiegelt meine persönliche Meinung wieder.

Foto: Anne Tiebel, all rights reserved.

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  • D. Bremser 7. February 2011, 20:32

    Freude — dass sich noch jemand für Russland interessiert!
    Vor mehreren Jahren hielt sich mein Geist an Putins Proklamation der "Diktatur des Rechts" auf. Heute ist wohl deutlich zu ersehen, was damit gemeint ist.
    Leider konnte sich Russland bis heute nicht aus dem Antagonismus einer narzistischen Nomenklatura und der Ideation eines zukünftigen Russlands befreien. Das erklärt vielleicht auch die Ambivalenz Russlands zu seinen Intellektuellen, da sie entweder dem Zweck eines Proteges dienten oder ein gräuliches, gemeines Arbeiterdasein fristeten.

    "Schocktherapie" ist insofern ein Euphemismus, wenn das Resultat – eine über lange Jahre in instabilen wirtschaftlichen Verhältnissen lebende breite Bevölkerung – betrachtet. Welche Krankheitsursachen wurden denn therapiert und auf welchen stabile Zustand wurde hintransformiert?

    Hier hilft das Mea Culpa von Milton Friedman, ein "Chicago Boy" und Berater der russischen Transformation:
    <cite>"What do these ex-communist states have to do in order to become market economies? … You can describe that in three words: privatize, privatize, privatize." But, I was wrong. That wasn't enough. The example of Russia shows that. Russia privatized but in a way that created private monopolies-private centralized economic controls that replaced government's centralized controls. It turns out that the rule of law is probably more basic than privatization. Privatization is meaningless if you don't have the rule of law. What does it mean to privatize if you do not have security of property, if you can't use your property as you want to?</cite>
    Die Quelle (http://www.cato.org/special/friedman/friedman/friedman4.html), ein unscheinbares, und umso mehr erschreckendes Dokument der Zeitgeschichte.
    Russland, ein Chicagoer Experimimentierlabor monetaristischer Theorien, deren Evidenz selbst die US Federal Reserve in den 80er Jahren nicht mehr erbringen konnte?

    Therapien haben ihre Gesetze und Zielstellung. Niemand wird erwarten, dass eine Hand plötzlich selbständig Gedichte verfasst. Aber viele erwarten, dass eine Hand im Verbund mit dem Körper rehabilitiert wird.

    Genauso wenig ist zu erwarten, dass sich eine abgeschlagene Hand nach Diktum des Gehirns und ohne unterstützende Maßnahmen wieder regeneriert.

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