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Moskau: Zwischen Blini und New York Cheesecake

Yeliseyevskys Supermarkt in Moskau

Yeliseyevskys Supermarkt in Moskau. Foto: Katharina Thiel, alle Rechte vorbehalten.

Wenn man noch Zweifel hat, ob Moskau eine europäische Metropole ist, hilft ein Besuch in Yeliseyevskys Supermarkt auf der Tverskaya, circa zehn Minuten vom Roten Platz entfernt. Wenn man seinen Blick endlich von der prachtvollen, klassizistischen Einrichtung aus dem späten 18. Jahrhundert gelöst hat und die Aufmerksamkeit zu den Waren in der Auslage wandert, fühlt man sich wie in einem heimischen Edeka. Albi, Nestlé, Danone, Kinder – die Regale in russischen Supermärkten sind voll von Marken westlicher Konzerne und man beginnt zu begreifen, warum Russland so ein wichtiger Markt ist.

Als die Mauer fiel und sich die Sowjetunion auflöste gab es kaum russische Marken, die in die neue kapitalistische Welt überführt wurden – dafür aber einen großen Appetit auf westliche Produkte. Für West-Konzerne muss die ehemalige Sowjetunion so etwas wie eine weiße Landkarte gewesen sein, die zu erobern das größte Projekt der 1990er Jahre war. Aber die russische Wirtschaftskrise 1998 zeigte die Risiken des unentdeckten Marktes und ein kürzlicher im Handelsblatt erschienener Artikel über die Metro Group zeigt, dass Kreativität und Flexibilität auch heute noch wichtige Unternehmertugenden in Russland sind. Trotzdem: ein Blick in die Regale bei Yeliseyevsky zeigt, dass die West-Konzerne bei der Eroberung des russischen Marktes doch im Großen und Ganzen erfolgreich gewesen sein müssen.

Die Wirtschaftskrise erschwert aber auch das Geschäft im Wirtschaftswachstumswunderland Russland – gerade für den Exportweltmeister Deutschand. In seiner "Gebrauchsanweisung für Moskau" beschreibt Spiegel-Korrespondent Matthias Schepp, dass die Begeisterung für westliche Produkte in Russland abgeflaut sei. Wer in Moskau zu einem Essen im privaten Kreis eingeladen sei, solle lieber Pralinen aus Russland mitbringen, so der Journalist. Die lokale Anpassung ausländischer Produkte wird der zweiten Schritt der Expansion westlicher Konzerne im Osten sein.

Der schwächere Rubel führt ohnehin zu einem höheren Preis für importierte Produkte. Die Moscow Times berichtete kürzlich, dass russische Restaurants bereits prüfen, auf welche Importe sie verzichten können – und auf welche nicht. Inzwischen haben nach Angaben der Zeitung zwar auch Ketten wie McDonald's den Anteil von lokalen Lieferanten auf 80 Prozent erhöht (als das erste Schnellrestaurant der Kette in Russland im Jahr 1990 aufmachte betrug der Anteil von importierten Zutaten noch 100 Prozent), aber dennoch müssen die Restaurantmanager nun stärker rechnen.

Für russische Bauern ist dies eine Chance, weil ihre Wettbewerbsfähigkeit steigt und westliche Konzerne nun vermutlich verstärkt nach Zulieferern in Russland suchen. Nur amerikanische Bäcker können beruhigt sein – einen lokalen Ersatz für New York Cheesecake zu bekommen sei schlicht unmöglich, so russische Restaurantmanager.

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