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Thorsten Schäfer-Gümbel und die “Twitter-Affäre”

Ghosttweeting: hat TSG seine Wähler angelogen?

Ghosttweeting: hat TSG seine Wähler angelogen? TSG-Tweet nach der Hessenwahl.

Trotz des Kürzels TSG (das wohl an John F. Kennedy erinnern sollte) galt der hessische SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel bei den Landtagswahlen im Januar eigentlich als chancenlos. Umso erstaunlicher ist daher die Tatsache, dass Schäfer-Gümbel einen exzellenten Internetwahlkampf organisiert hat.

Vor allen Dingen die Nutzung des noch relativ jungen Microblogging-Dienst Twitter hat für Aufsehen gesorgt. Denn im Unterschied zu den meisten anderen twitternden Politikern nutzt Schäfer-Gümbel das Tool nicht zur Verbreitung von Petitessen und Belanglosigkeiten, sondern vermittelt tatsächliche Inhalte und nutzt das Mobilisierungspotential des Netzes. Erstmals führte Schäfer-Gümbel sogar ein ganzes Interview über Twitter. Sein Twitter-Experiment war so erfolgreich, dass das Satire-Magazin Titantic sogar einen falschen TSG-Twitteraccount aufsetzte, in dem ein herzlich-naiver TSG "der Echte" über seine Vorlieben für Pils und seine Sekretärin plauschte – viel Feind, viel Ehr!

Ist es also tatsächlich ein Riesenskandal, dass TSG nicht selber twittert, sondern dies durch eine Agentur erledigen lässt, wie Tilla Pe findet?

Soziale Netzwerke, Blogs und eben auch Twitter vermitteln natürlich in besonderer Weise das Gefühl von Authentizität – insofern ist die Empörung verständlich. Aber auch politische Reden werden nicht von den Rednern geschrieben, sondern von spezialisierten Redenschreibern. Verantwortlich für den Inhalt sind natürlich dennoch die Politiker, sie stehen mit ihrer Person für den Inhalt der Rede. Ähnliches lässt sich auch über die Profile von Politikern in sozialen Netzwerken sagen: die Nutzer nehmen Blogposts, Tweets und Statusmeldungen als persönliche Statements eines Politikers wahr – und dementsprechend viel Sorgfalt sollte man bei der Pflege der Profile walten lassen. Ein Tweet wird als direktes Zitat des Absenders bewertet.

Aber dennoch werden wir uns an Ghosttweeter gewöhnen müssen. Sie sind ebenso Teil der politischen Kommunikation – wie Redenschreiber und Spin-Doktoren. Politiker wie Ralf Stegner ("You get what you see") werden in Wahlkampfzeiten sicherlich die Ausnahme bleiben. Für die Berater gilt natürlich umgekehrt, dass die Tweets zur Persönlichkeit des Mandanten passen müssen. Dies scheint bei TSG gelungen zu sein – wenigstens war der Onlinewahlkampf Schäfer-Gümbels so erfolgreich, dass er Umfragen zufolge unter Internetnutzern sogar noch vor Roland Koch lag – und allein das ist Masstab politischer Kampagnen.

Schäfer-Gümbels Agentur Barracuda weist den Vorwurf des Ghosttweeting zurück: "Ghostwriter? Nein. Techn. Unterstützung beim Senden von Tweets, wenns anders nicht geht? Ja." Egal – wer Recht hat, lässt sich vermutlich sowieso kaum klären, wie Markus Beckedahl meint. Schäfer-Gümbel hat mit seiner Kampagne immerhin gezeigt, dass Twitter ein Dienst ist, der im Wahlkampf nicht unterschätzt werden sollte.

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