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Volker Perthes: Iran – eine politische Herausforderung

Volker Perthes: Iran – eine politische Herausforderung

Bereits seit einigen Jahren hält das Atomprogramm des Iran die Welt in Atem. Die Atombombe in der Hand eines “Mullah-Regimes”: diese Vorstellung lässt in den Augen vieler westlicher Beobachter die Angst nach einem neuen Krieg im Nahen und Mittleren Osten und vielleicht sogar nach einem Dritten Weltkrieg aus, wenn der Iran tatsächlich eine Atombome in Israel zünden würde.

In seinem Buch “Iran – Eine politische Herausforderung” wirft Volker Perthes, Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, einen detaillierteren Blick auf das Problem – und wartet mit einigen beruhigenden Analysen auf. Anders als viele westliche Beobachter glauben, so Perthes, sei der Iran weniger ein religiös-revolutionärer Staat als ein rational handelnder Akteur, der seine Politiken durchaus gegen ihre wahrscheinlichen Folgen abwägt. Ein Nuklearangriff auf Israel sei daher – selbst wenn der Iran die Kapazitäten dazu hätte – unwahrscheinlich, zumindest so lange der Iran seine Existenz nicht bedroht sähe.

Auch sei die politische Führung des Iran mitnichten so monolithisch wie oft angenommen. Neben den religiösen Hardlinern um den Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad gibt es auch eher pragmatische oder realistische politische Fraktionen. Zudem ist das System der politischen Entscheidungsprozesse im Iran äußerst komplex und unübersichtlich, was es westlichen Gesprächspartner zum Teil erschwert, die entscheidenden Ansprechpartner zu identifizieren.

Natürlich gibt Perthes auch Empfehlungen für den Umgang mit dem Iran und plädiert dabei – der Untertitel deutet es bereits an – für eine diplomatische Lösung, die auch die (legitimen) Interessen des Iran einbezieht. Der Aufbau einer anti-iranischen Allianz in der Region, wie es die USA Anfang 2008 vorhatten, sei dabei genau der falsche Weg, weil der Iran sich so umso mehr gedrängt fühle, sein Atomprogramm fortzuführen.

Aber auch die iranische Politik müsse ihre Haltung gegenüber der internationalen Gemeinschaft überdenken und ihre “passive Haltung” bei der Lösung internationaler Konflikte aufgeben. Wenn Iran sich selbst als Regionalmacht sehe und als solche angesprochen werden wolle, müsse sich die politische Führung auch konstruktiv an der Lösung der Probleme der Region beteiligen und dürfe zum Beispiel nicht eine Zweistaaten-Lösung in Israel boykottieren oder sabotieren.

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Auf gut 150 Seiten vermittelt Perthes einen umfangreichen Überblick über die politische Führung des Iran, umreißt knapp den aktuellen Nuklearkonflikt und zeigt (diplomatische) Lösungen zur Beilegung der Krise auf. Gerade dass der Band relativ knapp ist und auf einen umfangreichen Fussnotenapparat verzichtet, macht ihn dabei äußerst leserfreundlich.

Diese Rezension ist zuerst auf thinktankdirectory.org erschienen.

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