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Lesetipp: “Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik”

Streitfall Energie: wie sicher ist unsere Energieversorgung?

Streitfall Energie: wie sicher ist unsere Energieversorgung?. Foto: Lollie-Pop, Lizenz: Creative Commons.

Nicht der "Platz an der Sonne", sondern der "Platz an der Energiequelle" ist heute zu einem zentralen Leitmotiv in der Politik geworden. Energiesicherheit, also die verlässliche Versorgung eines Landes mit Energie – sei es Öl, Gas, Kernkraft oder Bioenergie – ist heute eine der großen Herausforderungen für Regierungen auf der ganzen Welt. Die Möglichkeiten zur Entwicklung einer "weltverträglichen Energiesicherheitspolitik" ist auch das Thema des "Jahrbuch Internationale Politik", das die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik in diesem Jahr zum ersten Mal mit einem komplett überarbeiteten Konzept herausgebracht hat.

Während das Jahrbuch bislang chronologisch angelegt war und die wichtigsten internationalen Ereignisse der vergangenen Jahre (der Band erscheint zweijährlich) dokumentierte, liegt der Neukonzeption eine gänzlich andere Idee zugrunde: Die einzelnen Beiträge des Bandes gruppieren sich jeweils um ein zentrales Thema der internationalen Beziehungen – hier: das Thema Energiesicherheit. In über 50 Einzelbeiträgen werden jeweils Teilaspekte des Hauptthemas beleuchtet, und zwar im Einzelnen: die wichtigsten Angebotsregionen, die größten Nachfrageregionen sowie die Rolle der einschlägigen transnationalen und internationalen Organisationen, Regime sowie privater Akteure.

Erstmals sind im vorliegenden Band auch dem Bundeskanzleramt, den wichtigsten Ministerien und den im Bundestag vertretenen Parteien Platz eingeräumt worden, den Themenkomplex "Energiesicherheit" aus ihrer Sicht zu behandeln. So erhält der Leser auch einen umfangreichen Einblick auf die innenpolitische Dimenion der gegenwärtigen Energiedebatte. Ein Kapitel über das Thema Energiesicherheit in der öffentlichen Meinung rundet diesen ersten Teil des Bandes ab.

Gerade das Thema Energiesicherheit zeigt auf eindrucksvolle Weise die Vorteile des neuen Konzeptes, denn mehr als andere Themen ist die Energiesicherheit durch ein hohes Maß an Interdependenz geprägt und in der Regel nur kollektiv realisierbar. Diese Interdependenz ist nicht nur in der Gaswirtschaft zu beobachten, deren Pipelines in der Regel eine Vielzahl von Transitländern durchqueren, bis sie beim Konsumenten ankommen, sondern auch bei den vermeintlich autarken "Öl-Scheichtümern", die zwar Rohöl exportieren, dafür aber häufig auf Importe von raffiniertem Öl angewiesen sind. Schließlich wird auch der für die Kernenergie essentielle Rohstoff Uran international gehandelt. Kaum ein anderes Politikfeld ist daher so sehr auf multilaterale Verhandlungen und internationale Regime angewiesen wie die Energiepolitik.

Kern des Buches sind die 21 Länderstudien, die einen umfassenden Einblick über Energieresourcen, Energiebedarf, Energieaußenpolitik und die innenpolitische Debatte über Energiesicherheit geben. Weil alle Autoren dabei einem ähnlichen Leitfaden folgen, ermöglichen diese Kapitel auch eine direkte Vergleichbarkeit der einzelnen Länder untereinander.

Der Band zeigt dabei nicht nur deutlich, dass im globalen Rennen um Energieressourcen mit harten Bandagen gekämpft wird, sondern auch, welche Regionen durch den weltweiten Energiehunger wieder vermehrt in den Blickpunkt rücken könnten. So wollen die USA bis 2015 etwa 25 Prozent ihres Erdöls aus dem subsaharischen Afrika importieren. Die einzelnen Länderstudien sind dabei mit umfangreichen Datenmaterial unterfüttert und enlarven dadurch manche politischen Drohungen (wie die des venezuelanischen Präsidenten Hugo Chavéz) als pure Rhetorik. Denn obwohl Chavéz den USA immer wieder damit gedroht hatte, dem Land den Ölhahn abzudrehen, ist die Abhängigkeit Venezuelas von Exporten nach USA in den vergangenen zehn Jahren gestiegen, während USA ihre Abhängigkeit von Importen aus Venezuela im selben Zeitraum verringern konnten.

Auf Nachfrageseite ist die Situation vor allen Dingen durch eine "verschärfte Konkurrenzsituation" gekennzeichnet, wie das Jahrbuch konstatiert. Neben den westlichen Industriestaaten rückt der Band auch die aufstrebenden Wirtschaftsmächte – China, Indien und die beiden Koreas – ins Licht der Aufmerksamkeit. Insbesondere China entwickelt sich zu einer Herausforderung für Außenpolitiker, weil sich China einer vollständigen Integration in die bestehenden multilateralen Energieforen widersetzt und statt dessen eine durch eine ausgeprägte "Energiediplomatie" begleitete "neomerkantilistische Energieaußenpolitik verfolgt. Ob es gelingt, China in einen multilateralen energiepolitischen Rahmen einzubinden, wie Autor Heinrich Kreft erwartet, bleibt offen.

Der letzte Teil des Buches behandelt die verschiedenen energiepolitischen Institutionen – angefangen bei der OPEC, über die IEA, die WTO und natürlich die Europäische Union. Dieser Abschnitt bietet jedoch auch Raum für einen Blick über den Tellerrand und fragte etwa, welche Rolle die NATO bei der Gewährleistung von Energiesicherheit spielen kann oder welche Auswirkungen die globale demografische Entwicklung auf die weltweite Nachfrage nach Energie haben wird.

Ingesamt bietet das Jahrbuch einen umfassenden Blick auf ein existentielles Thema von globaler Bedeutung, der kaum eine Frage offen lässt. In manchen Bereichen (etwa in den Russland betreffenden Kapiteln, wo es inzwischen einen Regierungswechsel gab) ist das Buch zwar nicht auf dem neuesten Stand, beweist dafür in anderen Bereichen – etwa bei der Vorhersage von Verteilungskonflikten aufgrund der Produktion von Bio-Ethanol in Brasilien – geradezu prophetische Qualitäten.

Seine besondere Bedeutung erlangt das Jahrbuch jedoch durch die Verbindung wissenschaftlicher Analysen mit politischen Beurteilungen durch die entsprechenden Akteure in den Bundesministerien sowie im Bundestag. Dieses neuartige Konzept bietet den Herausgebern zufolge die Möglichkeit eines direkten Dialogs zwischen Wissenschaft und Politik, in dem der Politik einerseits Lösungsvorschläge präsentiert werden können, während auf der anderen Seite die "academic community" auf Forschungsdesiderate hingewiesen wird.

Diese Verknüpfung von wissenschaftlicher und politischer Debatte wird jedoch auch einen Beitrag dazu leisten, dass das "Jahrbuch Internationale Politik" einen breiten Leserkreis erreichen wird. Nicht nur für Wissenschaftler, Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter in der Bundesverwaltung und im Bundestag ist das Jahrbuch eine wichtige Arbeitshilfe, sondern auch für Mitarbeiter in global agierenden Unternehmen, in Beratungsgesellschaften, Agenturen und – nicht zuletzt – in den Medien. Dem neuen Jahrbuch ist deswegen eine breite Aufmerksamkeit zu wünschen.

Weitere Informationen sowie ein Inhaltsverzeichnis des Buches finden Sie auf der Webseite der DGAP.

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