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Der “Rote Ken” gegen den blonden Boris: Wahlkampf in London

In den Vereinigten Staaten ist der Kampf um das Weiße Haus in vollem Gange, und trotzdem hält die Presse hier in Washington D.C. für einen Moment die Luft an und blickt auf den Wahlkampf in London.

Die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs wählt am 1. Mai einen neuen Bürgermeister, aber das Interesse der Amerikaner liegt weniger in den Themen des Wahlkampfes begründet, sondern in den Kandidaten, von denen einer skuriller als der nächste ist.

Da ist zum Beispiel der amtierende Bürgermeister Ken Livingstone, ein umstrittener Labour-Politiker mit Hang zu markigen Sprüchen. Markige Sprüche sind auch das Spezialgebiet seines Herausforderers Boris Johnson, ein blonder Strohschopf und Skandalnudel der konservativen Partei. Ergänzt wird dieses Double durch Brian Paddick, der für die Liberalen antritt und der ranghöchste bekennende Homosexuelle der Londoner Polizei ist.

Bei dieser Kandidatenliste fällt einem die Entscheidung natürlich schwer. Hier deswegen ein knackig-kurzes "who's who":

Ken Livingstone

  • wird wegen seiner sozialistischen Überzeugungen in England der "rote Ken" genannt.
  • trat 2000 bei den ersten Bürgermeisterwahlen in London gegen seinen Parteifreund Frank Dobson an und wurde deswegen von der Labour-Partei ausgeschlossen. Tony Blair nannte Livingstones Wahl ein "Disaster" für London, nahm diesen Kommentar später jedoch zurück. Seit 2003 ist Livingstone wieder Mitglied der Labour-Partei.
  • wurde 2005 für einige Wochen vom Dienst suspendiert, weil er einem jüdischen Reporter vorwarf, er benehme sich wie ein Wächter in einem Konzentrationslager.
  • handelte 2007 einen Deal mit dem venezuelanischen Dikator Hugo Chavéz aus, der den Londondern seitdem billiges Öl für den Londonder öffentlichen Nahverkehr liefert. Als er dafür kritisiert wurde, entgegnete er: "Frankly, I'd rather be getting in bed with him than, as the British government has been, getting into bed with George W. Bush".
  • ist in England außerdem als Molch-Züchter bekannt.

Boris Johnson

  • ist ein typisches Kind der britischen Oberklasse mit einer Ausbildung an der Elite-Schule Eton und einem Abschluss in Oxford.
  • arbeitete als Reporter beim Daily Telegraph und war Herausgeber des konservativen Magazins The Spectator.
  • ist wie Ken Livingstone für sein loses Mundwerk bekannt. Den Amtsinhaber nennt er bereits selbstsicher "Mayor Leavingsoon".
  • war 2004 Mitglied im Schattenkabinett von Michael Howard, wurde aber aus dem Team gefeuert, weil er über eine Affäre mit einer ehemaligen Kollegin gelogen hatte.
  • benutzte seinen Kopf auf brutale Weise in einem Fußball-Spiel gegen Deutschland im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2006 und rammte Maurizio Gaudino seinen Schädel in einer Rugby-Attacke in den Magen!
  • brachte 2006 die Bewohner von Papua-Neuguinea in Aufruhr, indem er bemerkte: "For 10 years we in the Tory Party have become used to Papua New Guinea-style orgies of cannibalism and chief-killing".
  • ist ein passionierter Radfahrer und fährt häufig mit dem Rad zur Arbeit.

Brian Paddick

  • arbeitete bislang bei der Londoner Polizei – und gilt als ranghöchster bekennender Homosexueller bei den Hauptstadt-Bobbies.
  • rauchte Gerüchten zufolge früher Cannabis. Später wurde er landesweit für seinen "soften" Umgang mit Cannabis-Rauchern bekannt. Scotland Yard bestätigte ihm, dass die Kriminalitätsrate in den Gebieten, in denen Cannabis-Raucher nur verwarnt und nicht aktenkundig wurden, sank und dass zugleich die Quote für die Auflösung schwererer Verbrechen stieg. Als bekannt wurde, dass er früher selber Cannabis geraucht haben soll, wurde er dennoch auf einen Schreibtischjob verwiesen.
  • zählt Elton John zu seinen Hauptunterstützern.

Ok, ich gebe zu: diese Anekdoten sind nicht wirklich aussagekräftig für das Programm der drei Kandidaten. Und diese Beispiele sollen auch nicht davon ablenken, dass das bisherige Erfolgsregister von Livingstone, Johnson und Paddick recht gut ist. Auch inhaltlich wird es also spannend sein zu beobachten, wer das Rennen macht. Das Beispiel London zeigt aber auch deutlich die Bedeutung der Persönlichkeit für eine Wahl. Ein gute Programm alleine macht noch lange keinen Wahlsieg.

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